
Lemgo. Ein emotionaler Schlusspunkt an vertrautem Ort: Mit einem bewegenden Konzert in der Lemgoer Kirche St. Johann hat Peter Orloff am vergangenen Sonntag, 19. April, die seit Langem angekündigte Abschiedstournee seines Schwarzmeer-Kosaken-Chores beendet.
Kaum ein anderer Ort hätte für diesen Moment besser gepasst: In St. Johann hatte Orloff über viele Jahre hinweg immer wieder gastiert, unzählige Konzerte gegeben, und nahezu ebenso oft eine bis auf den letzten Platz gefüllte Kirche erlebt. Auch diesmal war St. Johann ausverkauft, viele Besucher, überwiegend aus der älteren Generation, warteten bereits lange vor Konzertbeginn in einer Schlange, die sich bis fast zur Mittelstraße zog.
Für viele war es mehr als nur ein Konzert. Viele kannten „ihren Peter“ seit Jahrzehnten, manche seit Kindheitstagen, brachten kleine und größere Geschenke mit und verabschiedeten sich nach zwei eindrucksvollen Stunden mit vielen Gänsehaut-Momenten sichtlich bewegt. Über mehr als 33 Jahre hinweg hatte Orloff mit großer Konstanz und Erfolg ein Ensemble geführt, das sich durch außergewöhnliche Stimmen, Disziplin und musikalische Tiefe einen festen Platz in der internationalen Chorszene erarbeitet hat, eine Kontinuität, die auch an diesem Abend in Lemgo deutlich spürbar war.
Mit großer Ausstrahlung, viel Gestik und spürbarer Wärme führte Peter Orloff nicht nur als Moderator, sondern auch als Solist durch das Programm. Er nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise in die russische Vergangenheit seiner Vorfahren, erzählte von Herkunft und Traditionen und von der verbindenden Kraft dieser Musik.
Seine eigene Karriere hatte 1958 begonnen, als jüngster Sänger aller Kosakenchöre. 32 Jahre lang führte er später das Werk seines Vaters Nikolai Orloff im orthodoxen Geist fort und formte den Schwarzmeer-Kosaken-Chor zu einer international gefeierten „Legende“.
Auch wirtschaftlich und künstlerisch blickt Orloff auf eine außergewöhnliche Laufbahn zurück. Das Jahr 2024 entwickelte sich für ihn und den Chor zu einem der erfolgreichsten: Das Album „Die Goldene Jubiläums-Edition“ stieg mehrfach in die Top-Kategorie der Verkaufshitparaden ein und erreichte zudem die offiziellen Top-100-Album-Charts. Als Komponist und Texter schrieb Orloff zahlreiche Hits für bekannte Künstler ebenso wie für sich selbst und wurde nicht zuletzt als „König der Hitparaden“ ausgezeichnet.
In Lemgo schwang dennoch Wehmut mit. Es war der letzte Abend dieser großen Abschiedstournee. Zwar fühle er sich mit 82 Jahren noch immer fit, erklärte Orloff, doch wenn es am schönsten sei, solle man gemeinsam mit seinem Chor Abschied nehmen. Das Ensemble präsentierte russische und ukrainische Volksweisen sowie Balladen und setzte besondere Glanzpunkte, unter anderem mit „Nessun dorma“ aus Puccinis Oper Turandot. Klassiker des Kosaken-Chores wie die „Ballade vom bekannten Kosakenführer Stenka Rasin“, die „Abendglocken“ oder das temperamentvolle „Kalinka“ rissen das Publikum immer wieder zu lang anhaltendem Applaus hin.
Besondere Akzente setzten die Solobeiträge von Igor Ishak, Oleg Kulyeshov, Alexander Steinbrecher und Stefan Arininsky, deren Stimmen das Kirchenschiff erfüllten und für zahlreiche Gänsehaut-Momente sorgten. Beginnend mit dem gesanglichen „Vaterunser“ steigerte sich die Dramaturgie des Konzerts im ersten wie auch im zweiten Teil konsequent. Ergänzt wurde der Chor von der Musikerin Irina Kripakova an der Domra sowie den beiden langjährigen Ensemblemitgliedern Ilya Kurtev (Bajan) und Slava Kripakova (Kontrabass-Balalaika), die unter anderem mit dem Stück „Von Kiew nach St. Petersburg“ begeisterten.
Zu den weiteren Höhepunkten zählte der Besuch der „Kosakenabteilung Sachsen“. Stilecht gekleidet überreichten die Gäste aus Sachsen Peter Orloff im zweiten Teil des Abends nicht nur ein besonderes Geschenk aus Russland, geschliffene Gläser, sondern auch eine Urkunde sowie ein Ehrenabzeichen für seine Stellung als Ataman und Kosakenführer. Musikalisch erklangen zudem Balladen wie „Das Körbchen“, die „Zarenhymne“ und „Die Legende von den zwölf Räubern“.
Den traditionellen Abschluss bildete, wie bei vielen Konzerten des Schwarzmeer-Kosaken-Chores, das Lied „Guten Abend, gute Nacht“. Dabei dirigierte Nasko Kirtscheff das Publikum gesanglich, das gemeinsam mit dem Chor einstimmte. Zum Abschluss nahm sich Peter Orloff noch Zeit für Autogramme und Erinnerungsfotos, auch das Teil eines Abends, der für viele unvergessen bleiben dürfte.
Ganz zu Ende ist die Geschichte jedoch noch nicht: Da die Abschiedstournee bereits lange ausverkauft war und zahlreiche Interessierte leer ausgegangen sind, sind in verschiedenen Städten noch Zugaben geplant. Den endgültigen Schlusspunkt wird erneut Lemgo setzen: am 21. Februar 2027, um 17 Uhr, wiederum in der Kirche St. Johann.
Dann heißt es tatsächlich, Abschied nehmen vom Schwarzmeer-Kosaken-Chor. Peter Orloff selbst wird seinem Publikum jedoch weiterhin erhalten bleiben, im Fernsehen wie auch als Solosänger auf der Bühne. Denn, wie er selbst sagt: „Schlager sterben nie.“
Mit dem Ende des Schwarzmeer-Kosaken-Chores schließt sich jedoch ein besonderes Kapitel Musikgeschichte, ganz im Sinne des Vermächtnisses von Nikolai Orloff: ein Chor, der „singend betet und betend singt“.




