
Detmold. Hektik, Termindruck und das ständige Rauschen des Alltags – die Sehnsucht vieler Menschen nach einem Ort, an dem die Welt für einen Moment stillsteht, wächst. In der Nähe von Detmold ist der Wunsch nach einer solchen Oase Wirklichkeit geworden.
Dank einer großzügigen Förderung der Erzdiözese Paderborn und vielen helfenden ehrenamtlichen Händen konnte ein Teil der Parkanlage des Instituts St. Bonifatius, Kupferberg, zu einem ganz besonderen Rückzugsort werden: dem „Garten der Stille“.
In ihm verbinden sich unberührte Natur und gestalteter Garten, moderne Kunst und benediktinische Spiritualität zu einem inspirierenden Ganzen. Ob man als gläubiger Mensch kommt, als Suchender, als naturverbundener Wanderer oder einfach nur als zufälliger Spaziergänger – der Garten öffnet seine Tore für alle. Zwischen geistlichen Impulsen und Orten des Verweilens bietet der „Garten der Stille“ Raum für das, was oft zu kurz kommt: das Innehalten sowie die Begegnung mit sich selbst und Gott.
Die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG hat die Leiterin des Gartens, Hildegard Schneider, „auf einen Kaffee“ getroffen und nachgefragt, was diesen Ort so einzigartig macht und wie er den Glauben mitten ins Leben holt.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Wann und wie entstand die Idee, einen Teil der Parkanlage in einen „Garten der Stille“ zu verwandeln? Gab es einen spezifischen Moment der Inspiration?
Hildegard Schneider: Diesen Moment gab es tatsächlich: als im Kontext der Corona-Pandemie deutlich wurde, dass wir nach fast 60 Jahren unsere Jugendbildungsstätte nicht länger würden betreiben können und wir uns die Frage gestellt haben, wie wir trotzdem ein „geistlicher Ort“ bleiben können, der möglichst vielen Menschen Kraft schenken kann.
LWZ: Warum ist ausgerechnet dieser Ort so prädestiniert für eine „Oase der Ruhe“?
Schneider: Weil er schon eine kleine Oase war: eine alte Parklandschaft, nah an Detmold und trotzdem raus aus dem Trubel, unmittelbar am Rand eines Naturschutzgebiets – wir brauchten also nur noch ein bisschen was „draufzusetzen“.
LWZ: Sie laden explizit Gläubige und Nichtgläubige ein. Wie schaffen Sie es, dass sich auch Menschen ohne kirchlichen Bezug willkommen und nicht „missioniert“ fühlen?
Schneider: Hoffentlich schaffen wir das auch wirklich … Aber tatsächlich versteht sich alles, was es im Garten an Kunst und an Impulsstationen gibt, als Angebot: Man kann sich damit befassen, wenn man möchte, aber man muss nicht, und kann stattdessen auch einfach nur ein Päuschen auf einer Bank oder in der Hängematte einlegen.
LWZ: Der Garten soll beides sein – ein Ort mit der Möglichkeit zum Rückzug und ein Ort der Begegnung. Wie spiegelt sich diese Dualität in der Gestaltung des Geländes wider?
Schneider: Die Gesamtanlage ist recht weiträumig, so dass man auch bei größeren Besucherzahlen nicht den Eindruck von „Überfüllung“ hat, und bietet viele kleine Plätze mit Sitz- und Rückzugsmöglichkeiten. Gelegenheit zur Begegnung bieten zum einen diejenigen der Impulsstationen, an denen die Gäste im Garten sich selbst mit einbringen können, und natürlich auch die Veranstaltungen sowie das „Foyer Kupferberg“.
LWZ: Was hoffen Sie, was ein Spaziergänger, der „nur zufällig des Weges kommt“, beim Verlassen des Gartens im Herzen mitnimmt?
Schneider: Einen Moment der Entspannung und des Aufatmens – und vielleicht auch den einen oder anderen Impuls zum Denken, Freuen, Beten, Danken …
LWZ: Künstlerinnen der Gruppe „PickArt“ haben das Areal mitgestaltet. Nach welchen Kriterien
wurden die Kunstwerke ausgewählt, um die benediktinische Spiritualität zu unterstützen?
Schneider: Wir haben den Künstlerinnen ganz bewusst freie Hand bei der Themenwahl gelassen: Kunst steht für sich selbst und braucht kein „um zu“. Aber die Vorgabe war, dass die Installationen – wie das Rahmenthema „Art meets Bible“, also „Kunst trifft Bibel“ deutlich macht – „begegnungsoffen“ sein sollten: Das eine ist das Kunstwerk selbst, das zweite der biblische Impuls dazu. Und das dritte der je persönliche Zugang zu Kunst oder Bibel. Welchen Weg die Einzelnen bevorzugen, bleibt dabei ihnen überlassen.
LWZ: Inwiefern hilft die Gartenpflege oder die bloße Wahrnehmung der Natur dabei, zur Ruhe zu kommen oder gar eine Gottesbegegnung zu ermöglichen?
Schneider: Unser Alltag ist oft so dicht getaktet, dass vieles quasi auf Autopilot läuft. Da braucht es erst einmal eine zeitliche oder räumliche „Unterbrechung“, um wieder bei sich selbst anzukommen und überhaupt wahrnehmen zu können. Und es gibt nicht viel, was heilsamer wäre, als mitten in der Natur sich als Geschöpf und (kleinen) Teil eines „größeren Ganzen“ zu erleben – egal, ob die Einzelnen das dann Gott nennen oder nicht.
LWZ: Das Institut St. Bonifatius gründet auf benediktinischer Mönchstradition, einer der ältesten und prägendsten Formen des christlichen Mönchtums im Abendland. Wie spiegelt sich das Prinzip „Ora et labora et lege“ oder die benediktinische Gastfreundschaft im „Garten der Stille“ wider?
Schneider: Das wissen nicht viele, dass der „benediktinische Dreiklang“ aus „Beten, Arbeiten und Lesen“ besteht … meist ist nur vom „Beten und Arbeiten“ die Rede. Aber damit fehlt ein wesentlicher Aspekt, der sich auch im Garten der Stille spiegelt: sich Zeit zu nehmen für das, „was die Seele nährt“, und genau das möchten die verschiedenen Impulsstationen auf je eigene Weise bieten. Übrigens beziehen sich einige davon auch explizit auf Themen benediktinischer Spiritualität, wie zum Beispiel die Station „Lausche“ oder die Sonnenuhr mit der „Zeit zum Gebet“. Außerdem gibt es auch ganz unterschiedliche Möglichkeiten des Gast-Seins auf dem Kupferberg.
LWZ: Von der Kreativen Schreibwerkstatt über Meditation bis hin zur Andacht in Ihrer Kapelle – Sie bieten ein vielfältiges Veranstaltungsspektrum an: Welcher Programmpunkt liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?
Schneider: Da fällt mir die Antwort ein bisschen schwer … ich persönlich finde, im Rahmen dessen, was der Garten bieten möchte – Natur und Spiritualität – sollte das Angebot so vielfältig wie möglich sein, um möglichst vielen Menschen einen zu ihnen passenden Zugang zu ermöglichen. Und wenn man einfach nur mal gucken möchte, ist vielleicht das Frühlingsfest am Sonntag, 10. Mai, eine gute Option: Von 14 bis 17 Uhr kann man das Gelände erkunden, Musik auf einem riesigen Gong erleben, an Führungen teilnehmen und bei Kaffee und Gebäck ins Gespräch kommen.
LWZ: Welche Rolle spielt das parallel zum Garten eröffnete „Foyer Kupferberg“ als Ergänzung zum Außenraum?
Schneider: Es ist ganz explizit als „Begegnungsangebot“ gedacht: Hier gibt es nicht nur Kaffee, sondern auch immer einen Ansprechpartner und die Möglichkeit zum Gespräch.
LWZ: Wenn Sie selbst Ruhe suchen – an welcher Stelle im Garten der Stille findet man Sie am ehesten?
Schneider: Am allerliebsten natürlich in der Hängematte … oder im Sommer auf der Wiese mit Blick auf den Sonnenuntergang.
LWZ: Welche ganz besondere Begebenheit, die Sie im Garten erleben durften, fällt Ihnen als erstes ein?
Schneider: Das vielleicht Schönste für mich persönlich ist – neben den Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen – zu erleben, wie „unbekümmert“ Vögel und andere Tiere im Garten werden, wenn man sich nur lange genug still verhält. Das funktioniert übrigens sogar mit Gruppen, vorausgesetzt, dass die genug Geduld mitbringen. Dann scheinen die Tiere zu beschließen, dass man keine Bedrohung darstellt, und gehen wieder „ihren Geschäften“ nach, und man kann sie oft in aller Ruhe beobachten.
Das Interview führte Karen Hansmeier.
Der „Garten der Stille Kupferberg“ ist täglich geöffnet: April bis Oktober von 9 bis 19 Uhr, November bis März von 9 bis 16 Uhr. Das Foyer öffnet normalerweise von Freitag bis Sonntag von 14.30 bis 17 Uhr. Bei Veranstaltungen kann es veränderte Öffnungszeiten geben. Der Eintritt ist frei.
Adresse: Auf dem Kupferberg 1, Detmold.




