Kai Wallasch ist Mitbegründer von Ghost Diving Germany. Fotorechte: Kai Wallasch

Lage/Harsewinkel. Verloren gegangene Fangnetze werden zu tödlichen Fallen für Meerestiere. Außerdem zersetzen sie sich zu Mikroplastik und verschmutzen so die Meere. Ehrenamtliche Tech-Taucher von Ghost Diving Germany e. V. haben sich zur Aufgabe gemacht, diese Netze zu bergen.


Der Vorsitzende des Vereins, Kai Wallasch, der mehr als 30 Jahre Erfahrung im Tiefseetauchen hat, berichtet am Donnerstag, 25. Juni, in Lage von seinen Einsätzen und Projekten. Die Veranstaltung ist eine Kooperation des BUND Lage und der VHS.

Kai Wallasch hatte schon immer das Bestreben, die Umwelt vom Müll zu befreien, und da er tauchen kann, habe er dieses Ansinnen auf’s Meer ausgeweitet, erzählt er. 2021 wurde dann der Verein Ghost Diving Germany gegründet. 100 aktive Mitglieder hat der Verein mittlerweile.

Die Einsätze des Vereins werden so kostengünstig wie möglich gestaltet, erklärt Wallasch: „Die Tauchausrüstung bringt jeder selbst mit, aber Posten wie Unterkunft, Verpflegung, Bootsmiete oder Treibstoff müssen aus der Vereinskasse bezahlt werden – das sind am Tag Kosten von ungefähr 2.500 Euro. Der Verein finanziert sich ausschließlich über Spenden und diese werden eins zu eins in Projekte umgesetzt. Dieses Jahr haben wir schon im Januar die ersten Hafen-Clean-ups im Kieler Hafen gemacht. Es gab auch verschiedene Fortbildungen für unsere Mitglieder. Außerdem haben wir einige Netzbergungen von Fehmarn aus in die Lübecker Bucht vorgenommen und acht Tage waren wir vor Rügen/Kap Arkona. Es sind auch weitere Projekte in der Nord- und Ostsee geplant.“

Solche Einsätze lassen sich nur mit Profitauchern, die eine sehr hohe Stress- und Lösungskompetenz besitzen, bestreiten. Diese sei in der Regel erst mit vielen 100 Tauchgängen aufgebaut. Auch sollte man in der Lage sein, mit Mischgasen zu tauchen, und man müsse geschickt unter Wasser arbeiten können, ob mit Messer oder Bolzenschneider. Ebenso unerlässlich sei das seemännische Know-how.

Anders als im Urlaub in klarem, warmem Gewässer gäbe es sehr herausfordernde Gebiete, so Kai Wallasch: „Die Nordsee ist schon sehr speziell, da wir nur im Tidenwechsel tauchen können, was auf die Minute getaktet sein muss – die Strömung ist dann immer noch sehr stark und die Sicht enorm eingeschränkt.“

Wie viele dieser Netze beziehungsweise Teile davon jährlich geborgen werden können, läßt sich schlecht in Zahlen fassen. Für die Taucher ist ein Einsatz auf jeden Fall dann zu Ende, wenn die Ladekapazität des Bootes – das sind bis zu 500 Kilogramm – erreicht ist: Das sind jedes Jahr etliche Tonnen. Was die Bergung von Meerestieren, die sich nicht aus den Netzen befreien konnten, betrifft, so sind die meisten von ihnen schon längst elendig verendet. Es ist quasi eine Art, lebendig begraben zu sein. Selten findet das Team noch lebende Tiere im Netz, die gelungene Bergung ist dann ein besonders beglückender Moment.

Die meisten Geisternetze sind Schleppnetze, im Gegensatz zu Stellnetzen. Schleppnetze werden hinter dem Boot hergezogen. Sie haben eine hohe Beifangquote, das heißt, viele Tiere, die gar nicht gefischt werden sollen, sterben einen absolut sinnlosen Tod. Und hin und wieder verfängt sich ein solches Netz an irgendeinem Hindernis und kann nicht wieder geborgen werden; auch wenn es ein nicht geringer wirtschaftlicher Verlust für den Fischer ist, so ist eine bestellte Bergung des verloren gegangenen Netzes bedeutend teurer.

Auf dem „kleinen Dienstweg“ bekommt der Verein hin und wieder Informationen über den Ort eines verlustig gegangenen Netzes, meist anonym, da der Fischereibetrieb – als Verursacher der Vermüllung – ansonsten selbst für die Kosten aufkommen müßte.

Lösungen könnten und müßten wohl das Einwirken auf politischer Ebene sein, ähnlich wie beim Braunkohleabbau – klare Entscheidungen ohne Wenn und Aber. „Der Ostsee beispielsweise würde es sehr gut tun, wenn man sie einfach mal 20 oder 50 Jahre in Ruhe ließe“, meint Wallasch, der Ingenieur und CCR-Taucher ist. Das bedeutet Kreislaufgerätetaucher: Das Gerät recycelt die ausgeatmete Luft, indem es CO₂ chemisch filtert und präzise Sauerstoff nachdosiert. Dies ermöglicht extrem lange Tauchgänge, höchste Gaseffizienz und lautloses Tauchen.

Letztendlich seien die Konsumenten das Problem und nicht die kleinen Küstenfischer, die in der fünften Generation versuchen, über die Runden zu kommen. Allerdings endet die Verantwortung nicht beim Fischessen, findet Wallasch, „auch mit der im Supermarkt gekauften Salami eines Schweinemastbauern, der seine Felder überdüngt und damit Gülle ins Grundwasser leitet und Nitrat ins Meer schwemmt“. Auch so sorge man für die Todeszonen in der Ostsee.

An sich sind die Meere resilient und können sich vom menschlichen Eingriff erholen – wenn man ihnen die Gelegenheit dazu gibt. Das Wissen ist grundsätzlich da, aber niemand setzt es um – geschäftliche Interessen kennen keine Nachhaltigkeit und den Konsumenten sind die Zusammenhänge oft nicht klar oder nicht wichtig genug.