Das OP-Team nach dem ersten Einsatz der Force-Feedback-Instrumente am DaVinci im Klinikum Lippe. Foto: Klinikum Lippe

Detmold/Lemgo. Sehen, steuern und jetzt auch spüren: Das Klinikum Lippe hat einen weiteren technologischen Schritt in der robotisch assistierten Chirurgie vollzogen. Am 7. Oktober führte das Team der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie als eine der ersten Kliniken in Europa einen Eingriff mit den neuen Force-Feedback-Instrumenten am da Vinci 5 durch.


Die Technologie ermöglicht es Operateurinnen und Operateuren, die während einer Operation auf das Gewebe einwirkenden Kräfte unmittelbar wahrzunehmen.

Bislang basierte die robotische Chirurgie vor allem auf einer hochauflösenden, dreidimensionalen Sicht des Operationsfeldes und einer präzisen Steuerung der Instrumente. Mit den neuen Instrumenten kommt nun eine weitere Sinnesebene hinzu. Spezielle Sensoren erfassen Druck-, Zug- und Seitenkräfte in Echtzeit und übertragen diese über die Handsteuerung an die Konsole des da Vinci 5. Zusätzlich werden die ausgeübten Kräfte während des Eingriffs visuell dargestellt. Die Sensorik misst die auftretenden Belastungen rund 1.000 Mal pro Sekunde.

Damit können Chirurginnen und Chirurgen nicht nur das Operationsgebiet vergrößert und dreidimensional betrachten, sondern erhalten gleichzeitig eine direkt spürbare Rückmeldung darüber, mit welcher Kraft sie auf das Gewebe einwirken.

„Mit Force Feedback bekommen wir während der Operation eine zusätzliche Information, die für uns Chirurginnen und Chirurgen sehr wertvoll ist. Wir können unmittelbar wahrnehmen, welche Kräfte wir mit den Instrumenten auf das Gewebe ausüben. Das unterstützt uns dabei, unsere Bewegungen noch kontrollierter und differenzierter einzusetzen“, sagt Dr. Michael Leitz, Leitender Arzt und Bereichsleiter Robotische Chirurgie der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie.

Leitz operierte am 7. Oktober den ersten Patienten in Europa mit dem neuen System. Zum Einsatz kam die Technologie bei einer rechtsseitigen Hemikolektomie, also der Entfernung des rechten Dickdarmabschnitts. Bei diesem Eingriff wird der vom Tumor betroffene Darmbereich einschließlich des zugehörigen Lymphabflussgebietes entfernt. Anschließend werden die Darmenden wieder miteinander verbunden.

„Die haptische Komponente des Da-Vinci-Systems ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in der robotischen Chirurgie. Wir haben heute mit der neuen Methode eine rechtsseitige Hemikolektomie durchgeführt. Mit den Force-Feedback-Instrumenten war insbesondere die Naht subjektiv besser umzusetzen als bei der herkömmlichen Robotik“, erläutert Leitz.

Robotisch assistierte Chirurgie ist am Klinikum Lippe seit Jahren fest etabliert. Mit insgesamt vier da-Vinci-Operationssystemen an den Standorten Detmold und Lemgo verfügt das Krankenhaus über eine umfangreiche technische Ausstattung für diese Operationsmethode.

Neben der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie setzen auch die Universitätsklinik für Urologie, die Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie die Klinik für Thoraxchirurgie die Systeme für spezialisierte Eingriffe ein.

Allein bis Oktober wurden am Klinikum Lippe 877 Operationen mit Unterstützung des Da-Vinci-Systems durchgeführt. Gleichzeitig steigt nach Angaben der Klinik die Nachfrage von Patientinnen und Patienten nach der robotisch assistierten Operationsmethode kontinuierlich an.

In der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie werden inzwischen nahezu alle gängigen Eingriffe robotisch unterstützt vorgenommen. Dazu zählen unter anderem Operationen an Magen, Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse, Leber und Gallenblase sowie die Versorgung von Bauchwandbrüchen.

Für Univ.-Prof. Dr. Jens Höppner, Direktor der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, eröffnet die neue Technologie zusätzliche Möglichkeiten für Behandlung, Ausbildung und Forschung.

„Die robotische Chirurgie hat uns bislang vor allem eine hervorragende dreidimensionale Sicht und eine sehr präzise Instrumentenführung ermöglicht. Mit Force Feedback kommt jetzt eine entscheidende Dimension hinzu: Wir erhalten eine unmittelbare Rückmeldung darüber, wie viel Kraft auf das Gewebe wirkt. Gerade bei komplexen Operationen und der Präparation empfindlicher Strukturen ist das ein wichtiger technologischer Fortschritt. Gleichzeitig entstehen objektive Daten, die wir für die Analyse von Eingriffen, die chirurgische Weiterbildung und perspektivisch auch für wissenschaftliche Fragestellungen nutzen können“, sagt Höppner.

Die neuen Force-Feedback-Instrumente erhielten im September die CE-Kennzeichnung für den europäischen Markt. Zuvor waren sie bereits in Japan und den USA im Einsatz. Mit ihrer Einführung gehört das Klinikum Lippe zu den ersten medizinischen Einrichtungen Europas, die die neue Technologie im klinischen Alltag anwenden.