Denys Drachkov an einem der sogenannten „Unbreakable Points“ in Kiew. Dort können sich die Menschen aufwärmen, Geräte aufladen oder etwas Warmes trinken. Fotorechte: Denys Drachkov

Kreis Lippe/Kiew. Zwischen militärischer Erschöpfung, russischer Propaganda und der Hoffnung auf Frieden: Im zweiten Teil des LWZ-Interviews spricht Drachkov über die Grenzen der ukrainischen Belastbarkeit, mögliche Wege zu einem Kriegsende und die Frage, was einen gerechten Frieden ausmacht.


Zugleich richtet er einen eindringlichen Appell an die deutsche Gesellschaft: wachsam bleiben, Desinformation erkennen und die Unterstützung für die Ukraine nicht aus dem Blick verlieren.

LWZ: Gibt es etwas, das Ihrer Meinung nach in der internationalen Berichterstattung über den Krieg zu kurz kommt?
Drachkov: Ich kann nicht alle Berichte verfolgen, aber das, was ich gelegentlich in deutschen Medien wahrnehme, etwa in analytischen Sendungen von ARD oder ZDF oder in Artikeln des „Spiegels“, erscheint mir überwiegend korrekt dargestellt. Über andere Medien kann ich weniger sagen, und natürlich gibt es auch Stimmen, die die Dinge anders einordnen. Auch in den USA, etwa im „Wall Street Journal“, liest man teilweise interessante Analysen, aber das ist letztlich nur unsere eigene Perspektive und muss nicht immer vollständig sein.

LWZ: Was wünschen Sie sich konkret von der deutschen Politik und Gesellschaft?
Drachkov: Vor allem Wachsamkeit gegenüber russischer Propaganda und Manipulation. Ich erlebe selbst im Bekanntenkreis, wie sich solche Narrative verbreiten. Da hört man dann Aussagen wie: „Die Krim war doch immer russisch“ oder „Russland nimmt sich nur zurück, was ihm gehört“. Solche Darstellungen sind gefährlich, und sie lassen sich eigentlich leicht überprüfen: Man kann sich die Geschichte ansehen, Dokumente lesen, auch frei zugängliche Quellen nutzen.
Historisch war die Krim über lange Zeit eben kein russisches Gebiet, sondern ein eigenständiges Khanat (Anm. d. Red.: ein historischer, von einem Khan oder Khagan regierter Feudalstaat turk-mongolischer Völker), später unter wechselnden Einflüssen. Erst im Zuge der Expansion des Zarenreichs im 18. Jahrhundert kam sie unter russische Kontrolle. Auch die oft erzählte Geschichte, die Krim sei ein Geschenk gewesen, als sie 1954 an die Ukraine übertragen wurde, greift zu kurz. Die Entscheidung wurde innerhalb der sowjetischen Führung getroffen und hatte vor allem wirtschaftliche Gründe, etwa wegen der infrastrukturellen Anbindung und Versorgung über die Ukraine.

LWZ: Gibt es weitere Zusammenhänge, die aus Ihrer Sicht häufig verzerrt dargestellt werden?
Drachkov: Früher wurde die Ukraine oft automatisch mit Russland gleichgesetzt. Wenn man sich jedoch die Geschichte anschaut, ist das deutlich komplexer. Nach dem Zerfall des Russischen Reiches 1917 entstand eine eigenständige ukrainische Staatlichkeit, die Ukrainische Volksrepublik, die bis etwa 1920 existierte. In dieser Zeit suchte sie internationale Verbündete und fand Unterstützung unter anderem in Deutschland, Österreich-Ungarn und auch im Osmanischen Reich. Gleichzeitig wird heute von russischer Seite oft behauptet, es habe eine eigenständige ukrainische Staatlichkeit nie gegeben. Das entspricht so nicht den historischen Tatsachen.
Aus ukrainischer Perspektive reicht die eigene Geschichte jedoch noch viel weiter zurück, bis in die Zeit der Kiewer Rus. Interessant ist dabei auch die Frage nach dem Namen: Der Begriff „Rus“ hat historische Wurzeln, die mit den mittelalterlichen osteuropäischen Reichen verbunden sind, und wurde in byzantinischen und griechischen Quellen als „Rossia“ oder „Russia“ übertragen. Das Christentum kam ebenfalls aus Byzanz in diese Region, weshalb sich die orthodoxe Tradition entwickelte.
Das heutige Russland wurde historisch lange als „Moskowien“ oder „Moskauer Reich“ bezeichnet. Erst unter Zar Peter dem Großen im 18. Jahrhundert setzte sich zunehmend die Bezeichnung „Russland“ im internationalen Sprachgebrauch durch. Diese historischen Zusammenhänge sind komplex und werden in aktuellen Debatten oft vereinfacht dargestellt.
Ähnlich verhält es sich mit kulturellen Zuschreibungen: Viele Dinge, die heute landläufig als „typisch russisch“ gelten, haben tatsächlich vielfältige Ursprünge und Einflüsse aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen. Gerade in Osteuropa und Eurasien ist die Geschichte stark von gegenseitigen Einflüssen geprägt.
Mir ist wichtig zu betonen, dass solche historischen Fragen differenziert betrachtet werden sollten. Geschichte ist selten eindeutig oder einseitig, und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und verschiedene Perspektiven einzubeziehen.
Deshalb wünsche ich mir, dass man solchen vereinfachenden oder verzerrenden Narrativen kritisch begegnet. Es braucht oft nicht viel Zeit, sich fundiert zu informieren. Geschichte ist komplex, das gilt für Deutschland ebenso wie für die Ukraine.

LWZ: Was möchten Sie Menschen im Kreis Lippe und ganz Deutschland mitgeben, die den Krieg nur aus den Nachrichten kennen?
Drachkov: Man sollte sich bewusst machen, dass hinter jedem Bericht reale menschliche Tragödien stehen. Begriffe wie „Frieden“ wurden früher oft propagandistisch verwendet, etwa in der Sowjetzeit, mit Parolen wie „Frieden für die Welt“, während gleichzeitig Kriege geführt wurden. Diese Widersprüche haben eine lange Geschichte.
Auch heute sehen wir ähnliche Ambivalenzen: Einerseits wird der Westen kritisiert, andererseits nutzen viele Menschen aus Russland genau die Möglichkeiten, die westliche Gesellschaften bieten, sei es für Ausbildung, medizinische Versorgung oder Investitionen. Diese Gegensätze sind schwer nachzuvollziehen.
Mein Wunsch ist letztlich, dass man die Situation differenziert betrachtet, sich informiert und nicht auf vereinfachte Erklärungen hereinfällt. Und dass man versteht, welche Bedeutung diese Unterstützung und dieses Verständnis für uns haben.
Ich wünsche Deutschland alles Gute und möchte mich ausdrücklich bedanken, persönlich und auch im Namen vieler Ukrainer, für die Unterstützung, für das Verständnis und für die Menschlichkeit, die uns entgegengebracht wird. Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass man wachsam bleibt gegenüber Entwicklungen, die in extreme Richtungen gehen könnten. Gerade vor dem Hintergrund der Geschichte ist das besonders wichtig.
Ich sehe mich aber nicht in der Position, den Deutschen Ratschläge zu geben. Sie haben ihren eigenen Blick, ihre eigene Geschichte, und ich empfinde Deutschland als eine anständige Nation, die sehr genau weiß, was sie tut. Gleichzeitig hat auch Deutschland Zeiten erlebt, in denen extreme politische Richtungen verführerisch erschienen, sowohl links als auch rechts. Vielleicht ist es gerade deshalb wichtig, das zu schätzen, was frühere Generationen aufgebaut haben.
Wenn ich an Deutschland denke, sehe ich ein Land, das nach schwierigen Phasen, etwa nach der Weimarer Republik und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, etwas Beeindruckendes geschaffen hat: ein stabiles, friedliches und lebenswertes Gemeinwesen mit offenen, freundlichen Menschen.
Meine erste Reise führte mich nach Nordrhein-Westfalen, unter anderem nach Bad Salzuflen, Lemgo und Herford. Ich habe nur positive Erinnerungen, an die Menschen, an die Atmosphäre, an das Miteinander. Dieses Bild hat sich auch auf späteren Reisen, von München bis Hamburg, bestätigt.
Ich habe großen Respekt vor dem, was hier entstanden ist, und vor der inneren Stärke der deutschen Gesellschaft. Es gibt ein Zitat aus dem Nibelungenlied, das mir in Erinnerung geblieben ist, sinngemäß: Es gibt zwei große Mächte in der Welt, das Schwert und den Geist, und am Ende besiegt der Geist das Schwert. Dieser Gedanke passt für mich sehr gut zu Deutschland. Der Geist, die Haltung, die Werte, das ist eine große Stärke.
Diese Werte spiegeln sich auch im deutschen Leitbild wider: Einigkeit, Recht und Freiheit. Das sind Prinzipien, die gepflegt werden müssen. Sie sind zugleich die Grundlage dafür, dass Deutschland heute eine wichtige Rolle in Europa und der Welt spielt.

LWZ: Wie sieht für Sie ein akzeptabler Friedensplan aus?
Drachkov: Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage. Ein wirklich akzeptabler Frieden wäre aus meiner Sicht nur dann gegeben, wenn er für diejenigen akzeptabel ist, die aktuell an der Front stehen und das Land verteidigen. Gleichzeitig sind wir Realisten: Wir verstehen, dass dieser Krieg nicht einfach per Knopfdruck beendet werden kann und dass Russland nicht plötzlich vollständig abzieht. Möglicherweise wird es am Ende darauf hinauslaufen, die Frontlinie einzufrieren und die Kämpfe zu stoppen.
Was für uns aber nicht akzeptabel ist, wäre, weiteres nicht besetztes ukrainisches Territorium abzugeben. Das wäre letztlich eine Belohnung für den Aggressor, und das hielte ich für äußerst problematisch.
Wir wünschen uns ein Ende des Krieges, aber nicht um den Preis von Ungerechtigkeit oder falschen Anreizen. Ein tragfähiger Frieden muss Sicherheit schaffen, und darf nicht die Grundlage für den nächsten Konflikt legen.

LWZ: Wie könnte ein Einlenken Russlands forciert werden?
Drachkov: Ich glaube weiterhin, dass ein gemeinsamer, konsequenter Druck der internationalen Gemeinschaft entscheidend ist. Wenn dieser Druck konstant und geschlossen aufrechterhalten wird, könnte Russland erkennen, dass es keine realistische Chance hat, seine Ziele vollständig zu erreichen, und dass selbst die gehaltenen Gebiete zu teuer werden. Dann könnte auch innerhalb der russischen Eliten ein Umdenken einsetzen, weil wirtschaftliche Verluste und eine unklare Zukunft den Druck erhöhen.
Gleichzeitig sollte man keine übertriebene Angst vor Russland haben. Auch in der Vergangenheit sind große Mächte unter Druck geraten und schließlich zerfallen, die Sowjetunion ist dafür ein Beispiel.

LWZ: Muss sich Russland nicht auch selbst von „innen“ wandeln?
Drachkov: Ein innenpolitischer Wandel in Russland wird sich nur sehr begrenzt von unten heraus entwickeln. Es wurde oft die Hoffnung geäußert, dass Proteste entstehen könnten, wenn die Verluste steigen. Ich persönlich glaube das nicht. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage ist so, dass viele Menschen kaum Perspektiven haben.
Für manche ist der Militärdienst eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt Einkommen zu erzielen oder Schulden zu begleichen. Wer ein stabiles Leben hat, Familie und ein sicheres Einkommen, entscheidet sich in der Regel nicht freiwillig für den Krieg, aber genau diese Menschen sind nicht die Mehrheit.
Die offiziellen Begründungen für den Krieg, etwa der angebliche Kampf gegen „Nazis“, entbehren aus meiner Sicht jeder Grundlage. Die Ukraine ist ein vielfältiges Land mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, sprachlich, kulturell, religiös. Dieses Narrativ dient vor allem der Rechtfertigung.

LWZ: Wie sehen Sie die Ukraine kriegstechnisch aufgestellt?
Drachkov: Wir müssen uns eingestehen, dass auch die Ukraine nicht unbegrenzt belastbar ist. Die Verluste sind enorm, und niemand kann diesen Zustand unbegrenzt aufrechterhalten. Auch für Europa und die Partnerländer ist der Krieg eine große Belastung.
Putin nutzt dabei gezielt Schwächen demokratischer Systeme aus. In Demokratien können Stimmungen schnell kippen, Regierungen wechseln, wirtschaftliche Entwicklungen politische Entscheidungen beeinflussen. Autoritäre Systeme sind in dieser Hinsicht stabiler, unabhängig davon, was geschieht, bleibt die Macht oft über lange Zeit in denselben Händen. Das ist ein struktureller Unterschied.
Umso wichtiger ist es, wie gesagt, Desinformation und verzerrte Narrative zu erkennen und einzuordnen. Viele dieser Botschaften zielen darauf ab, Zweifel zu säen oder Gesellschaften zu spalten. Ich habe aber den Eindruck, dass die meisten Menschen in Deutschland sehr wohl in der Lage sind, kritisch zu denken und sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden, auch wenn es, wie überall, einzelne Ausnahmen gibt.

LWZ: Was ist aus Ihrer Sicht Putins Endziel?
Drachkov: Ich habe den Eindruck, dass Russland inzwischen deutlich geschwächt ist. Nach allem, was passiert ist, wird das Land vermutlich viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte, brauchen, um sich davon zu erholen. Aus meiner Sicht wurde ein strategischer Fehler gemacht. Nach der Annexion der Krim lief zunächst vieles für Russland scheinbar problemlos, und offenbar entstand die Vorstellung, man könne das auf die gesamte Ukraine übertragen. Doch das hat sich als Fehleinschätzung erwiesen. Ich glaube, dass auch die eigenen Nachrichtendienste dazu beigetragen haben, weil sie möglicherweise nicht die Realität berichtet haben, sondern das, was die Führung hören wollte.
Es gibt immer wieder Beispiele dafür, dass militärische Erfolge voreilig oder falsch dargestellt werden. Gleichzeitig sehen wir, dass die militärische Entwicklung insgesamt an eine Grenze stößt, es scheint eine Art Patt zu geben, bei dem keine Seite entscheidend vorankommt. Russland steht dabei vor der Herausforderung, entweder weitere Mobilisierungen durchzuführen oder andere Wege zu finden, um seine Truppenstärke zu sichern.
Hinzu kommt, dass der Krieg für Russland mit hohen Kosten verbunden ist, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Viele der Soldaten stammen, wie eben erwähnt, aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen, für sie ist der Militärdienst oft eine der wenigen Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen. Gleichzeitig verlassen gut ausgebildete Fachkräfte das Land. Diese Entwicklung schwächt die langfristigen Perspektiven zusätzlich.

LWZ: Glauben Sie, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung für den Krieg ist?
Drachkov: Ich habe den Eindruck, dass große Teile der russischen Gesellschaft, unabhängig davon, ob sie das aktuelle Regime unterstützen oder kritisieren, in bestimmten Fragen ähnlich denken. Selbst bei oppositionellen Stimmen sieht man das, etwa bei Aussagen zur Krim, die oft nicht als eindeutig rückgabepflichtig betrachtet wird. Das zeigt für mich, wie tief solche Sichtweisen verankert sind.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, einzelne Persönlichkeiten, die sich klar gegen diese Haltung stellen. Aber insgesamt scheint mir das eher die Minderheit zu sein. Gleichzeitig begegnet man gelegentlich älteren Menschen oder Zeitzeugen früherer Kriege, die sehr deutlich sagen, dass ein solcher Konflikt nicht hätte begonnen werden dürfen, gerade nicht gegen ein Land, das oft als „Brudervolk“ bezeichnet wurde.
Diese Widersprüche sind schwer zu begreifen: einerseits die Rhetorik von Nähe und gemeinsamer Geschichte, andererseits die Realität von Krieg und Zerstörung. Für mich wirkt es so, als stünde die Gesellschaft insgesamt vor einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit sich selbst. Dieser Prozess wird vermutlich Zeit brauchen.


Das Gespräch führte Yves Brummel.