Experten auf dem Podium (von links): Moderator Holger Teßnow, BELa-Chef Andreas Schmuck, Robert Wünsch (Autor des Klimaschutzkonzeptes von Detmold aus Schleswig-Holstein) und Leon Trippel (Kommunalberatung „ansvar2030“, Bremen) und Projektmanager/Investor Markus Jansen. Fotos: Hajo Gärtner

Lage-Ohrsen. Zur Informationsveranstaltung der Bürgerenergie-Genossenschaft Lage (BELa) über ihre Pläne, zwei Windräder am Langen Kamp in Ohrsen aufzustellen, kamen 135 Zuschauer in die Johanneskirche Kachtenhausen. Darunter viele Gegner, die im Vorraum eine Unterschriftensammlung der Gegner unterzeichneten.


Wer befürchtet hatte, dass es in der Kirche richtig rummst, wurde angenehm überrascht. Denn was die Matadore auf dem Podium boten, war ehrlich und informativ. So war die Veranstaltung auch für Projekt-Gegner interessant, die in großer Zahl gekommen waren. Die Referenten jonglierten mit korrekten Zahlen zur Windkraft, kehrten negative Aspekte nicht unter den Tisch, und niemand sollte zum Windkraft-Freund „bekehrt“ werden. Unter der bedachten Diskussionsführung von Pfarrer Holger Teßnow verlief die Veranstaltung, bei der energischer Protest der Gegner erwartet worden war, eher ruhig und sehr sachlich ab.

Pfarrer Holger Teßnow leitete die Diskussion mit weit über hundert Veranstaltungsgästen mit der Ruhe eines Mannes, der schon weiß, wie man bei Sturm die Kerze anzündet. Der Abend, aufgeladen wie ein PV-Akku nach einem Sonnenschein-Peak, blieb erstaunlich friedlich. Es wurde gefragt, gerechnet, gegrummelt – und erstaunlich wenig gebrüllt. Selbst der erwartete „energische Protest“ kam eher als sanfte Brise daher: mal als Statement, mal als Frage, die eigentlich ein Statement war.

Auf dem Podium wurden keine Wunder versprochen, nur ehrliche Zahlen. Markus Jansen, der Mann mit der Windkraft im Blut, erzählte von 6 bis 8 Prozent Rendite, 18 Millionen Kilowattstunden Strom und Windrädern, größer als der Kölner Dom. Wer kann dran verdienen? Der BELa-Vorsitzende Andreas Schmuck erklärte, jeder könne Anteile zeichnen für 350 Euro pro Stück, beliebig viele. Aber es gelte ganz demokratisch: „One man, one vote.“ Da staunte so mancher, dass man sich in Deutschland mit Geld mal keine Extra-Stimme kaufen kann.

Die Skepsis bleibt auf Nabenhöhe

Die Skepsis blieb allerdings auf Nabenhöhe. Es ging um Artenschutz, Schattenwurf, Vogelzug, Landschaftsschutz – und natürlich um die Gretchenfrage: „Wie viel verliert mein Haus an Wert, wenn’s im Schatten der Energiewende steht?“ Jansen antwortete vorsichtig: „Vielleicht sieben Prozent.“ Da rechneten einige im Publikum still mit – und manche wälzten wohl auch den Gedanken, das Haus lieber gleich zu verkaufen.

Leon Trippel (Kommunalberatung „ansvar2030“) aus Bremen malte derweil ein Bild von „Energieautarkie“ auf den Projektorschirm. In dieser Vision versorgen sich Kommunen selbst mit Strom, den sie ihren Haushalten günstiger anbieten können. Das Publikum hörte höflich zu; aber der Gedanke, dass Lage einmal „das neue Paderborn-Lichtenau“ werden könnte, sorgte eher für Stirnrunzeln als Begeisterung. Zukunftsmusik gut und schön – aber in Ohrsen hört man lieber Egerländer Blasmusik.

Das Logo der Gegner des Plans, im Dorf Ohrsen zwei Windräder zu installieren, ist dem bekannten „Atomkraft – Nein, danke!“-Enblem nachempfunden.

Am Ende gab’s Applaus – ehrlich, freundlich, ein bisschen erleichtert. Niemand wurde bekehrt, aber viele hatten das Gefühl, wenigstens verstanden worden zu sein. BELa-Chef Schmuck versprach: „Wir ziehen unser Projekt nicht gegen die Ohrser durch.“ Das kam an – auch bei denen, die trotzdem „Nein“ sagen werden.

Draußen sammelte Ferdinand Schmedding unermüdlich Unterschriften. 81 Namen in wenigen Tagen, 100 schon früher – das ist mehr Gegenwind im Segel, als manch Investor vertragen kann. Die Stimmung? Sagen wir so: Der Wind dreht immer mehr in Richtung „nicht jetzt und nicht hier“.

Vorgeschichte eines umstrittenen Projektes

Die politische Wetterlage bleibt in Lage wechselhaft: Linke neu; Grüne geschwächt; CDU gespalten; SPD mit alten Tricks; AFD, „Aufbruch C“ und FDP mit der Nase im Gegenwind. Die Prognose: lokale Winde aus Ohrsen, gefolgt von Sturmböen im Rathaus. Die Chancen auf einen Windpark? Eher windstill.

Und so endet der Abend, wie er begann: mit vielen offenen Fragen – und der Erkenntnis, dass es manchmal leichter ist, Windräder zu bauen als Zustimmung. Kann man trotzdem Schlüsse aus der Info-Veranstaltung über die weitere Entwicklung ziehen?

Ja, und zwar anders, als den Organisatoren lieb ist. Unter den rund 135 Besuchern des Abends in der Johanneskirche konnte Ferdinand Schmedding, Kopf der Bürgerinitative „Windräder in Ohrsen? Nein, danke!“, im Vorraum der Veranstaltung 44 Unterschriften gegen das BELa-Projekt sammeln. Dazu 25 auf Flyern. Plus 12 auf Briefen, die in seinem Postkasten gelandet sind. Insgesamt hat er also schon 81 Nein-Stimmen – schriftlich dokumentiert – binnen weniger Tage eingesammelt. Dazu muss man die rund 100 Schriftzüge auf einer Unterschriftensammlung zählen, die er Bürgermeister Matthias Kalkreuter im Vorfeld der Bauausschuss-Sitzung  übergeben hat.

Vielleicht sollte man die nächste Anlage tatsächlich an die A2 stellen. Da rauscht’s ohnehin – und niemand leistet Widerstand. Oder gleich ganz unauffällig als Update in einen schon bestehenden und allgemein akzeptierten Windpark integrieren. Hagen-Hardissen-Lückhausen Ja, Ohrsen Nein.

Das Publikum lauscht aufmerksam den Ausführungen der Experten auf dem Podium. Es sind mehr Zuschauer, als der Saal fassen kann, und so muss die letzte Reihe stehen.

KOMMENTAR

von Hajo Gärtner

Ich nehme es den BELa-Aktivisten ab,  dass es ihnen nicht primär darum geht, ein gutes Geschäft mit der Windenergie zu machen. Auch glaube ich, dass die ökologischen Absichten ehrlich sind. Global gesehen wäre der Betrieb von zwei großen Windrädern in Ohrsen ein Gewinn. Global, nicht lokal.

Darf man den Dorfbewohnern in Ohrsen zumuten, dass sie ein Opfer an Vermögenswerten und Lebensqualität bringen, damit Einwohner anderer Stadtteile einen Vorteil davon haben? Und ist nicht zu befürchten, dass der Unternehmens-Obulus an die Stadt in Höhe von 40.000 bis 80.000 Euro jährlich im großen Haushaltsloch von rund 10 Millionen Euro verdampft? Ohrsen braucht kein Schwimmbad, wie das in anderen Orten von Windparkbetreibern schon gesponsert worden ist, und deshalb auch keine PV-Anlage auf dessen Dach, wie es den Liemern beim Bau des Windparks in Hardissen in Aussicht gestellt worden sein soll. Sie haben die PV-Spende zwar nie bekommen; aber es war immerhin eine interessante Kompensationsidee: „Ihr nehmt Windräder in kauf, wir machen euch finanziell satt.“

Es gibt keine taugliche „Kompensationsidee“, die den Ohrsern angeboten wird. Man stelle sich die Situation in der Kernstadt, Heiden oder Hörste vor: Da könnte den Stadtteilbewohnern ein faires Angebot etwa in Form der Unterstützung und Aufwertung des Hallenbades und der Freibäder unterbreitet werden (komfortable Ausstattung  deluxe mit PV-Anlage oder günstigem Stromtarif zur Wasser-Erwärmung, veritabler Zuschuss zu den Betriebskosten).

Ob das Anwohner überzeugen würde, die unmittelbar von den Windrädern betroffen sind, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Aber dieses demütigende Gefühl, „Leute von außerhalb drücken uns ein Opfer für den Staat auf“, ließe sich überwinden. Die Gerechtigkeitsfrage würde sich nicht so dringlich und drückend stellen wie das in Ohrsen der Fall ist.

Und was ist von der „Autarkie“-Idee zu halten, die scheinbar eine Brücke bauen könnte? Die funktioniert doch nur in großen Komplexen wie den riesigen Windparks in Paderborn-Lichtenau, niemals in einer kleinen Stadt wie Lage. Der Windpark in Hardissen etwa – vier Rotoren –  könnte rund 4000 Haushalte mit Strom versorgen. Das ist viel, aber noch weit entfernt von der „Autarkie“.

Wie wird sich das Problem entwickeln?

Alles hängt, wie BELa-Chef Andreas Schmuck zu Recht gesagt hat, von der Willensbildung in der kommunalpolitischen Szene ab. Und da ist das Projekt schon einmal durchgefallen und konnte nur mit einem Abstimmungs-Trick von SPD-Fraktionschef Hans Hofste vorm offenkundigen Scheitern bewahrt werden. Die politischen Verhältnisse haben sich dem gegenüber deutlich verändert. Die städtischen Grünen als treibende Kraft hinter dem Projekt sind bei der jüngsten Kommunalwahl in ihrer Fraktionsstärke nahezu halbiert worden, das bürgerlich-konservative Lager zeigt hingegen ein massiv erstarktes Profil. Offen, wie die CDU sich verhalten wird. Sie dürfte ein gespaltenes Verhältnis zum Thema haben und deshalb sowohl auf der Pro- als auch auf der Contra-Seite mitspielen, sich also unterm Strich neutralisieren.

Entscheidend sind nicht Parteien, sondern so einflussreiche Akteure wie der Ohrser Ferdinand Schmedding, der gewaltige Mengen an Energie mobilisiert und Andere regelrecht mitzureißen versteht. Einem solchen Magneten hat die BELa nichts entgegenzusetzen.

Die Projektbefürworter treten dagegen recht unauffällig und leise auf. Ihr Herzblut zirkuliert nicht so leidenschaftlich im Projekt wie das der Gegner im Widerstand. Ich wage die Prognose: Das Projekt wird scheitern. Auch wenn seine Befürworter und Betreiber durchaus aus hehren Motiven handeln und gute Argumente auf globaler Ebene anführen können. Lokal sind sie einfach zu schwach auf der Brust.

Ich verstehe nicht, warum die Windkraft-Freunde solche Risiken eingehen, sich zu blamieren. Baut die Windräder doch entlang von Autobahnen und dort, wo schon viele andere stehen. Erweiterung und Upcycling eines bestehenden Windparks wird in der Regel eher akzeptiert, als neue und immer größere Rotoren in die Landschaft zu stellen. Unter den Gegnern des BELa-Plans werden ziemlich viele eine Autobahn- oder Upcycling-Strategie unterstützen. Anteile zeichnen an einem Wind-Park entlang der A2: Wer würde da nicht begeistert mitmachen?