Claudia Runde ist Dozentin für Musikvermittlung an der HfM Detmold. Foto: Karen Hansmeier

Detmold. Klassische Musik gilt oft als schwierig, distanziert oder gar elitär. Während viele Konzerthäuser gegen alternde Besucherreihen kämpfen, wächst an der Hochschule für Musik Detmold (HfM) längst eine neue Generation von Profis heran, die genau an dieser Stelle ansetzt. Im Studiengang Musikvermittlung lernen Studenten, wie man die Leidenschaft für Musik in Worte und Erlebnisse übersetzt und nahbar macht. Doch wie schlägt man die Brücke zur „Generation TikTok“? Und ist Musikvermittlung das Allheilmittel für die Krise des Kulturbetriebs?


Die LIPPISCHE WOCHENZEITUNG hat mit Claudia Runde gesprochen, die an der Hochschule für Musik Detmold angehende Musikvermittler auf diese Herausforderung vorbereitet. Die studierte Flötistin und Musikpädagogin gibt Einblicke in den fünfsemestrigen Detmolder Master-Studiengang. Als Leiterin und Herzstück der Konzertreihe „Happy New Ears!“ verbindet sie künstlerischen Anspruch mit pädagogischer Innovation und beschreibt den Balanceakt zwischen Kunst, Lehre und gesellschaftlichem Auftrag. Nicht zuletzt geht sie der Frage nach, wie sich die Begeisterung für komplexe Musik in einer schnelllebigen Welt lebendig halten lässt.

LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Mehr als 200 Studenten haben den Studiengang Musikvermittlung seit seiner Gründung 1998 bereits erfolgreich absolviert. Welche Kompetenzen muss ein Student mitbringen, um in der Musikvermittlung erfolgreich zu sein?

Claudia Runde: Tja, was müssen sie mitbringen? Natürlich ein solides musikalisches Grundwissen! Alle Studenten unseres Masterstudienganges sind ausgebildete Musiker, also Lehrer an Schulen oder Musikschulen, Kirchenmusiker oder Musiker in Orchestern beziehungsweise freischaffend. Aber neben dieser Basis braucht ein Musikvermittler noch ganz andere Qualitäten: Ideen, Interesse und innere Kraft, Neues umzusetzen. Neugierde, um viele Menschen kennenzulernen und für sie unterschiedliche Formate auszuprobieren. Empathie, um sich in ein Publikum hineinzuversetzen – und, und, und. Ach ja: Und Durchhaltevermögen, denn unser Masterstudiengang ist berufsbegleitend, das heißt, die Studenten kommen einmal im Monat nach einer langen Arbeitswoche von Freitag bis Sonntag zu uns an die Hochschule, um in Vorlesungen, Seminaren und Coachings eine geballte Ladung an Input mitzunehmen, der dann in Hausaufgaben in den darauffolgenden Wochen kanalisiert werden muss. Da gibt es viel zu tun.

LWZ: In dem Informationstext zum Studiengang auf der Homepage der HfM wird Musikvermittlung als „soziale Praxis“ bezeichnet. Warum ist es heute für klassische Musiker wichtig, mehr als „nur“ ihr Instrument exzellent zu beherrschen?

Runde: Zu einer Musikerin, die neben ihrem hochvirtuosen Können ihr Publikum wahrnimmt, kann man viel eher eine „Beziehung“ aufbauen. Wenn ein Künstler auf der Bühne etwas rund um die Musik, die er spielt, erzählt, eine Performance zeigt, die die Musik eindrücklicher werden lässt, werden mehr Menschen für die Musik begeistert als nur diejenigen, die – ich sage mal – damit groß geworden sind. Früher gehörte es zum guten Ton, in ein klassisches Konzert zu gehen. Heute fehlt vielen Zuhörern der Bezug, sie schalten ab, wenden sich anderen Genres zu, obwohl klassische Musik so viel sagen und freisetzen kann. Unsere Aufgabe als Musikschaffende ist es, die Menschen in ihrer Freizeit zu begeistern, zu unterhalten, ihnen sinnvoll die Zeit zu vertreiben. Und dafür müssen wir uns auf unser Publikum einlassen, es dort abholen, wo es gerade ist.

LWZ: Interaktion bei den Kleinsten – Im Programm von „Concertino Piccolino“ lassen Sie Kinder im Alter von vier bis acht Jahren unter anderem singen. Wie wichtig ist es, das Publikum aktiv in den künstlerischen Prozess einzubinden?

Runde: Ich sage mal so: Kinder lieben Bewegung … Wenn Vor- und Grundschulkinder in das Detmolder Sommertheater kommen, sitzen sie zunächst einmal in Stuhlreihen in Richtung Bühne. So können sie gut in das Konzertgeschehen eintauchen, mit gespitzten Ohren dabei sein. Aber nach einiger Zeit kommt dann doch der Zappelphilipp hervor. Um diese Bewegungsfreude für den Konzertverlauf zu nutzen, bauen wir ganz gezielt Mitmachaktionen ein, wo die Kinder ihre aufgestaute Energie loswerden können und gleichzeitig das Konzert unglaublich bereichern. Und Singen ist ja sowieso das Schönste, denn Singen bewegt nicht nur den Körper, sondern auch unser eigenes Instrument: die Stimme. Und Stimme und Stimmung sind ja ganz schön nahe beieinander …

LWZ: Gaming und Partizipation – Das Konzert „Level up“ nutzte unter anderem Gaming-Elemente für Acht- bis Zwölfjährige. Wie reagieren die Kinder darauf, wenn sie plötzlich über den Fortgang eines klassischen Konzerts entscheiden dürfen?

Runde: Häufig sind die Zuhörer erst einmal verdutzt, denn das klassische Bild eines Konzertbesuches heißt oft immer noch: Komm‘ rein, setz‘ dich hin und sei still bis zum Applaus. Wenn man dann fragt oder gar auffordert, dass das Publikum mitentscheiden muss, damit das Konzert weitergeht, sind einige total überrascht, andere ziehen sich zurück – aber viele machen wirklich gerne mit, entwickeln Spaß daran, durch Entscheidungen den Fortgang zu beeinflussen.

LWZ: Jugendliche erreichen – Für Ihr aktuelles Jugendkonzert hatten Sie das Thema „Climbing“ gewählt und verbinden ein Schlagzeug-Ensemble mit Extremsport-Metaphern. Wie schwierig ist es, die Zielgruppe ab der siebten Klasse zu erreichen, ohne „gewollt cool“ zu wirken?

Runde: Ich glaube, es ist nur schwierig, wenn man die Jugendlichen nicht dort abholt, wo sie gerade stehen. Was interessiert die jungen Leute? Sport, Teamgeist, Emotionen, Abenteuer, Neues, Gefahr – wir haben in unseren Vorbereitungen für dieses Konzert viel über diese Begriffe nachgedacht und sind von da aus zu dem Konzertformat mit hochvirtuoser Musik der SchlagzeugerInnen in Kombination mit ziemlich verrückten Situationen wie einer Abseilaktion im Theater und völlig überraschenden Stücken mit Kochlöffeln oder Reißverschlüssen gekommen.

LWZ: Sie bieten die Konzerte in der Regel als „Familienveranstaltung“ und als geschlossene Veranstaltungen für Schulen und Kindergärten an. Welche Unterschiede beobachten Sie?

Runde: Zu unseren Familienkonzerten am Sonntagvormittag kommt hauptsächlich das bürgerliche Publikum, also Eltern oder Großeltern mit den Kleinen, die eine schöne Stunde gemeinsam im Konzert verbringen möchten. Oft sind es Kinder, die häufig wiederkommen, sich also an Konzerte, die „Gepflogenheiten“, gewöhnen. Zu den Kinderkonzerten am Montagvormittag kommen ausschließlich Gruppen aus Kitas oder Schulen mit ihren Erziehern und Lehrern. Hier wird kein Unterschied gemacht, ob ein Kind bereits ein Instrument spielt oder überhaupt keine Berührungspunkte zur klassischen Musik hat. Alle sind willkommen, alle sollen angesprochen, thematisch und musikalisch mitgenommen werden. Das ist eine große Herausforderung für alle Studenten und uns Lehrer, aber es ist immer toll, wenn der Funke überspringt. Wissen Sie: Bei den Familienkonzerten ist es immer sehr leise, man kann als Musiker, als Musikvermittler sein Konzept gestalten. Bei den Kinderkonzerten ist es manchmal ein bisschen unruhiger, es gibt Momente, in denen man improvisieren muss, damit alle dranbleiben. Aber wenn dann alle zuhören, spürt man die gebannte Stille im Raum, die Faszination von Live-Musik – das ist toll.

LWZ: Woran merken Sie, dass Ihre Vermittlungsarbeit erfolgreich war?

Runde: Wenn Menschen, egal welchen Alters, aus dem Konzert, dem Workshop, der Performance, dem Vortrag oder was auch immer man gerade für sein Publikum gestaltet hat, herausgehen, noch mit dem Thema beschäftigt sind, manchmal kommen, um sich zu bedanken, Gedanken austauschen. Und wenn sie dann zu einer anderen Gelegenheit wiederkommen. Und bei unseren Studierenden ist es so schön, immer wieder zu erleben, wie aus Anspannung, viel Probenarbeit, Freude und manchmal auch Frust sich allmählich ein Ergebnis herausschält, zu dem die Studenten selber stehen, das „ihr“ Konzept ist, das ihnen Mut macht, etwas Ähnliches wieder zu probieren.

LWZ: Ein Teil der Ausbildung umfasst „digitale Kommunikation“. Wie bereiten Sie Ihre Studenten darauf vor, ein Publikum zu erreichen, das mit Spotify-Playlists und 15-sekündigen TikTok-Videos aufgewachsen ist?

Runde: Auch hier heißt es, neugierig sein, keinem zeitlichen Stillstand nachgeben. Wir schauen uns digitale Apps an, holen gut dosiert KI in unsere Vorbereitungen, entwickeln Moderationen zu Podcasts, beschäftigen uns mit Social Media. Wir sind ein breit aufgestelltes Dozententeam, das die verschiedenen Bereiche abdeckt.

LWZ: Welche Chancen und Risiken sehen Sie in digitalen Vermittlungsformaten (zum Beispiel Apps, Virtual-Reality-Konzerte) im Vergleich zum Live-Erlebnis?

Runde: Man kann mit Digitalität wahnsinnig spannende Effekte erzeugen, Klänge mischen, neue Hörgewohnheiten entwickeln, aber ein Liveerlebnis kann das Digitale nicht ersetzen. Die unglaubliche Kraft, die von einem einzelnen Klavier, einem ganzen Orchester oder einer Kammermusikformation auf einen hereinströmt – das ist unglaublich und verzaubert.

LWZ: Sie sind sowohl Dozentin als auch aktive Konzertmoderatorin und Projektleiterin. Wie befruchten sich die Lehre und die Praxis auf der Bühne gegenseitig?

Runde: Ich sage immer: Ich bin eine echte Praktikerin. Ich lehre das in der Hochschule, was ich in eigenen Konzerten erlebe. Und ich erlebe das auf der Bühne, was ich in Seminaren oder bei den Konzerten von „Happy New Ears!“ lehre. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen dem, was man den Studenten in der Lehre mitgibt, und dem, was man selber erfährt. So bleiben beide Bereiche immer frisch, weil immer neue Impulse dazukommen. Ein Geben und Nehmen: Das genieße ich an meiner Arbeit sehr.

LWZ: Welches musikalische/musikvermittlerische Erlebnis hat Sie zuletzt so tief berührt, dass Sie wussten: „Genau deshalb mache ich das alles.“?

Runde: Da muss ich nicht weit zurückdenken. Ich habe in diesem Monat sehr viele Konzerte moderiert – 1.000 Kinder auf einmal, der Saal quoll über und ich habe wirklich innerlich gezuckt und überlegt, ob ich vielleicht umdrehen soll. Habe ich natürlich nicht gemacht. Und nachdem ich drei Konzerte nacheinander mit so vielen Kindern durchhatte, fix und foxi zum Parkplatz ging, kam just in dem Moment ein Jungentrupp auf mich zu, alle so zehn bis zwölf Jahre, cool, mit Migrationshintergrund, laut. Ich war auf alles Mögliche gefasst, aber nicht darauf: Sie blieben vor mir stehen, sagten: „Ey, du hast die Bühne voll gerockt, echt cool.“ Dann Peace-Zeichen und ab. Einer drehte sich noch um und rief: „Ich dachte, heute wird’s megalangweilig, war’s aber gar nicht, war echt g…“ Das Wort sage ich jetzt nicht, das ist aus meinem Wortschatz gestrichen. Aber das war schon ein echtes Lob. Kommendes Jahr fahre ich wieder an den Ort!

Das Gespräch führte Karen Hansmeier.


Die nächsten Konzerte

  • Sonntag, 31. Mai, 11 Uhr (Konzert für Familien mit Kindern von vier bis acht Jahren)
  • Montag, 1. Juni, 10 Uhr (für angemeldete Gruppen – Kita bis zweite Grundschulklasse)

Sing-Sation: Ein Fest der Stimmen
Ob traditionelle Kinderlieder, Lieder und Arien für hohe und tiefe Stimmen oder aktuelle Songs: In diesem Konzert wird nach Herzenslust geschmettert, gesäuselt, gerappt und gerockt. Und allerlei Spannendes rund ums Thema Singen gibt es auch noch zu erfahren …

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