
Bielefeld/Bergisch Gladbach. Bei der Medizinischen Fakultät OWL wie auch bei der Universität Bielefeld setzt man seit Jahrzehnten auf den Versuch am Tier, von der Verhaltensforschung bis zur Erforschung von Erkrankungen. Ungefähr ebensolange gibt es die Gegenbewegung, die Tierversuche aus ethischen sowie wissenschaftlichen Gründen ablehnt. So entstand schon 1979 der Verein Ärzte gegen Tierversuche, der sich auf die Fahne schrieb: „Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!“ Am 24. April ist der „Tag zur Abschaffung der Tierversuche“.
Es gebe definitiv keine sinnvollen Tierversuche, sagt die wissenschaftliche Referentin und Pressesprecherin von „Ärzte gegen Tierversuche“, Dr. Gaby Neumann: „Vor allem jene, die zum Nutzen des Menschen sein sollen, sind unsinnig, da sie sich nicht auf den Menschen übertragen lassen, weil die Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu frappant sind. Aber auch die Tierversuche für das Tier sind absolut unzulänglich, da Tiere im Labor künstlich krank gemacht werden und unter Dauerstress stehen und diese Bedingungen mit der normalen Lebenssituation eines Tieres nichts zu tun haben. Eine Forschung, bei der zu viele Faktoren außen vor bleiben, die für das Ergebnis wichtig sind, kann kein guter Ratgeber sein.“

Was die Entwicklung von Medikamenten betreffe, so seien die meisten Medikamente zur Symptomlinderung oder -unterdrückung da, nicht aber, um für Heilung zu sorgen: „Wenn man das Augenmerk auf die Entstehungsgeschichte einer Krankheit richtet, kann das im Tierversuch nicht zum Erfolg führen; zum Beispiel wird bei Tieren Epilepsie durch eine Giftinjektion ausgelöst oder für die Erforschung von Depressionen werden Mäuse in ein Wassergefäß gesperrt, aus dem sie nicht entkommen können, und wenn die Mäuse irgendwann aufhören zu paddeln, dann gelten sie als depressiv.“ Bei solchen Versuchsanordnungen mag manch normal denkender Mensch sich fragen, ob diese Forscher, die dafür vom Staat viel Geld bekommen, überhaupt an ernsthaften, wissenschaftlich zu nennenden Ergebnissen interessiert sind.
Tierversuche haben eine lange Tradition, wobei man damals keine anderen Verfahren zur Hand hatte. Nun sind wir aber längst im 21. Jahrhundert angekommen und haben seit geraumer Zeit ganz fantastische Möglichkeiten, mit denen wir Forschung betreiben können. Gerade der Bereich der medizinischen Forschung zeigt deutlich, wie schlecht die Methode Tierversuch tatsächlich ist.
Mehr als 90 Prozent der Medikamente, die am Tier als wirkungsvoll ermittelt wurden, fallen beim Test am Menschen durch, weil sie sich hier als nicht sicher, nicht wirkungsvoll oder auch als nebenwirkungsbelastend herausstellen: „In jedem anderen Bereich würde man sich an den Kopf fassen, an einer solch erfolglosen Methode festzuhalten, die eigentlich zum Schutz des Menschen sein soll, der aber gar nicht gegeben ist. Die klinischen Tests am Menschen, die auf die Tierversuche folgen, zeichnen sich durch eine große Unsicherheit aus, da man gar nicht wissen kann, wie diese Medikamente beim Menschen wirken. Die fehlende Übertragbarkeit macht diese, standardmäßig folgenden Menschenversuche, hochriskant“, sagt die tiermedizinisch studierte Neumann.
Die sogenannten alternativen Methoden stützen sich auf menschliche Daten und Zellen und sind bedeutend besser geeignet, eine Aussage über die Reaktionen und die Wirksamkeit beim Menschen zu machen: “Aus jeder Körperzelle, ob Haar- oder Hautzelle, kann man Miniorgane herstellen, die die Krankheit eines Menschen abbilden können, und es ist sogar möglich, diese ‚Miniaturen‘ miteinander kommunizieren zu lassen; und genauso ist auch die individualisierte Medizin, wie der Name schon sagt, in der Lage, spezielle, auf einen bestimmten Menschen abgestimmte Aussagen zu treffen. Auch die Computersimulation ist eine effektive Methode bei der Medikamentenentwicklung, die obendrein die Kosten erheblich senkt“, so Dr. Gaby Neumann.

Ein großes Problem sieht sie auch in der Struktur, angefangen beim Studium der (Tier)Medizin: Alteingesessene Professoren seien so sehr im Modell Tierversuch verhaftet, hätten ihre Karrieren damit aufgebaut, so dass dieses Gedankengut selten Platz für innovative Ideen lasse – die Ausbildung sei da sehr schlecht und müsse sich unbedingt ändern. „Es gibt viele neue Methoden, die aber nicht an die Studierenden herangetragen werden, da niemand da ist, der dieses Fachwissen hat.“
Die Pharmaindustrie, so schätzt Neumann, wünscht sich diese verlässlicheren, nicht am Tier testenden Methoden, denn sie möchte schnell ein gutes Medikament entwickeln, weil das bedeutend ertragreicher sei; das Problem seien da vor allem die Universitäten, die öffentliche Gelder erhalten und nicht darauf angewiesen sind, schwarze Zahlen zu schreiben, und genau dort sind die Tierversuche sehr präsent. Die Pharmaindustrie muss im Rahmen der Medikamentenentwicklung, in der Tierversuche vorgeschrieben sind, quasi zwangsweise diese Vorgabe erfüllen – lieber würde sie auf die alternativen Methoden umsatteln, da die bedeutend effektiver und auch viel kostengünstiger sind.
Es müsse von politischer Seite her ein klarer Ausstiegsplan entwickelt werden und zwar mit klaren Zielsetzungen. Dafür bräuchte es natürlich auch finanzielle Anreize. Ärzte gegen Tierversuche e. V. haben vor circa 20 Jahren angefangen, eine Fördertabelle auszuarbeiten, um zu dokumentieren, wohin die Gelder fließen, und es zeigt sich, dass mit mehr als 99 Prozent die Tierversuche gefördert werden – das waren allein im Jahr 2024 um die 4,8 Milliarden Euro und für die alternativen Methoden blieben weniger als ein Prozent.

„Als Tiermedizinstudent, das weiß ich aus eigener Erfahrung, hört man nur, dass Tierversuche etwas ganz Normales und Wichtiges sind. Und Studenten sind oftmals nicht so kritisch, dass sie solche Dinge hinterfragen. Man kann sich zwar wehren – nach den Hochschulgesetzen hat man die Möglichkeit, sich von dem sogenannten Tierverbrauch (Tierversuche werden von Studenten nicht durchgeführt) befreien zu lassen – damit stellt man sich aber gegen die gängige Handhabung und letztendlich auch gegen die Professoren, die einen am Ende prüfen. Die meisten Studenten der Humanmedizin, Biologie oder Tiermedizin möchten ihre Karriere nicht gefährden oder gar aufs Spiel setzen. Nicht in jedem Bundesland ist es für Studenten möglich, sich gegen den Tierverbrauch aufzulehnen – in Nordrhein-Westfalen besteht diese Möglichkeit, aber nur im Einzelfall und auf Antrag“, erklärt Dr. Gaby Neumann.
Wenn Politik, Forschung und Industrie sich für tierversuchsfreie Methoden entscheiden, dann ist dem Menschen damit gedient, gerade aus wissenschaftlicher Sicht, und aus ethischer Sicht dem sinnlos misshandelten Tier.




