
Kreis Lippe/Gütersloh. Der Teutoburger Wald, in einer fernen, menschenleeren Zukunft. Wo einst das mächtige Hermannsdenkmal als Symbol für Sieg und deutsche Identität in den Himmel ragte, herrscht jetzt gähnende Leere. Beklemmende Stille statt Besucherandrang. Das Denkmal ist gestürzt, die apokalyptischen Reiter haben den Helden vom Sockel geholt, und zwischen den zerborstenen Gliedmaßen des Kriegers hüpfen nur noch hungrige Raben. Doch die Geschichte weigert sich, zu sterben.
Nachdem im vergangenen Jahr das Hermannsdenkmal sein 150-jähriges Bestehen (1875–2025) feierte, rückt das Theater Gütersloh nun dessen Erbauer in den Mittelpunkt: Anlässlich des 150. Todestages von Ernst von Bandel (25. September 1876) lässt Autor Fink Kleidheu, hinter dem sich niemand anderes als Regisseur Christian Schäfer verbirgt, die Toten auferstehen. In seinem neuesten Werk, „Hermann (fool on the hill)“, gewährt er seinem Publikum Einsicht in die fiktiven Träume des Denkmalerbauers. Es ist ein unwirkliches Panorama aus Untoten, tanzenden Cheruskern und der schmerzhaften Frage: Was bleibt von einem Helden, wenn niemand mehr da ist, um an ihn zu glauben?
Im Gespräch mit der LIPPISCHEN WOCHENZEITUNG gibt Christian Schäfer Einblicke in seine scharfzüngige Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Er erläutert, wie seine Inszenierung den klassischen Heldenmythos nicht bloß dekonstruiert, sondern ihn mit feiner Ironie in den Ruinen der Vergangenheit neu verortet.

LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Das Stück spielt in einer Zukunft, in der das Hermannsdenkmal gestürzt wurde. Was symbolisiert dieser „Hermann im Staub“ für uns im Jahr 2026?
Christian Schäfer: Als die Nachbildung der Freiheitsstatue in Brasilien im Dezember vergangenen Jahres einem heftigen Sturm zum Opfer fiel, womöglich eine Folge des Klimawandels, war das Stück schon geschrieben. Auch die Studien, dass im Krieg eingesetzte KI im Zweifel zur Atomwaffe greifen würde, weil es die effektivste Waffe ist, wurden erst jetzt veröffentlicht. Aber derlei hatte den Autor bereits umgetrieben. Ein niedergestreckter Cherusker gemahnt uns natürlich schon an die Endlichkeit von allem, zumal wenn es sich um den Hermann handelt.
LWZ: Sie mischen historische Fakten mit apokalyptischen Reitern und untoten Cheruskern. Wie würden Sie die Tonalität des Stücks beschreiben – ist es eher eine Tragödie oder eine bösartige Komödie?
Schäfer: Womöglich eine tragikomische Dystrophie, die aber auch nur ein herbeifabulierter Alptraum sein könnte … Ein Kritiker schrieb einmal über eines unserer Stücke, es bewege sich zwischen David Lynch und Monty Python. Das hat mich damals sehr gefreut. Vermessenerweise versuchen wir, diesem Anspruch seitdem gerecht zu werden.
LWZ: „Hermann (fool on the hill)“ – der Titel ist eine klare Anspielung auf einen bekannten Song der Beatles aus dem Jahr 1967. Inwiefern ist der Hermann (oder Ernst von Bandel?) der „Narr auf dem Hügel“?
Schäfer: Bandel wurde ja auch als „der Alte vom Berge“ stilisiert. Ein Stück Verrücktheit gehörte wohl schon dazu, diesen Koloss von Detmold da – zeitweise im Alleingang und gegen alle Widerstände – hinstellen zu wollen. Uns gefällt aber, dass offenbleibt, wer hier der Fool ist. Deshalb darf ich die Frage natürlich auch nicht beantworten.
LWZ: Bandel widmete sein Leben dem Bau des Hermannsdenkmals. Wie nähert sich ihr Schauspiel diesem Mann an, der nun als Untoter zusehen muss, wie sein Lebenswerk zerstört ist?
Schäfer: Was der Bandel im Stück berichtet, geht weit über die Stationen des Lebens von Ernst von Bandel hinaus. Um klassische Historiendramen ging es uns noch nie. Vielmehr versuchen wir, uns mit den Träumen, auch den Alpträumen, den Ängsten und den Geistern zu befassen, die er rief.
LWZ: Das Stück wird als „scharfzüngige Hinterfragung des deutschen Heldenmythos“ beschrieben. Welche Aspekte des Arminius-Kultes werden dabei besonders unter die Lupe genommen?
Schäfer: Arminius scheint sich selbst nicht ganz sicher zu sein, ob er die Verehrung verdient hat. Das böse Wort „Verrat“ steht im Raum. Das Stück beschäftigt sich augenzwinkernd und natürlich fragmentarisch damit, was über die Jahrtausende aus seiner Story geworden ist, wie sie benutzt und verfälscht wurde.
Natürlich spielt Nationalismus hier eine Rolle. Ein triumphaler Besuch – samt Helden-Selfie – von Björn Höcke wurde ja unlängst von einem kräftigen lippischen Regen und trotzdem erschienenen Demonstranten verunmöglicht. Nicht zuletzt wird der Aufarbeitung der als gescheitert zu betrachtenden Ehe von Arminius mit Thusnelda eine Bühne geboten.

LWZ: Wie setzt man ein „unwirkliches Panorama“ des zerstörten Teutoburger Waldes auf der Bühne um?
Schäfer: Solange die Welt nicht von der sich aufblähenden Sonne verschluckt wird, kommt die Natur immer wieder zurück – bei uns symbolisiert von einem Chor der Raben. Der menschlichen Zivilisation wird das nicht so schnell gelingen. Um aber auf Ihre Frage zu antworten: Ein großes entblättertes Bruchstück des Hermann wird die Bühne dominieren, womöglich garniert von etwas Ascheregen.
LWZ: Was erhoffen Sie sich, was die Zuschauer nach dem Stück fühlen, wenn sie das nächste Mal vor dem echten Hermann stehen?
Schäfer: Hurra, wir leben noch! Wahlweise auch: Hoppla, er steht ja noch! Ich bin auf Theater-Fake hereingefallen! Ich will mein Geld zurück!
LWZ: Warum sollte man „Hermann (fool on the Hill)“ unbedingt gesehen haben und für Zuschauer ab welchem Alter ist das Stück geeignet?
Schäfer: Weil man als Schaulustiger zum Beispiel der Rückkehr von Thusnelda aus Rom beiwohnen kann, dem ersten Besuch von Napoleon in Hiddesen und einem Heldenbattle zwischen Arminius und Siegfried. Sprechende Raben und tanzende Cherusker lassen die Apokalypse endgültig unterhaltsam erscheinen. Wir denken an Zuschauer ab 13 Jahren, zumal der ebenfalls beteiligte „Spielclub 13+“ des Theaters uns hier eine Leitlinie bietet.
LWZ: Gibt es noch etwas, das Sie erwähnt wissen möchten?
Schäfer: Die Produktion entsteht in Zusammenarbeit mit dem Lippischen Landesmuseum Detmold, unter Beteiligung von Studenten der Hochschule für Musik Detmold sowie der WakeUp OWL Company Bielefeld. Sie wird vom Programm „Regionale Kulturpolitik“ des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW sowie vom Förderverein Theater in Gütersloh e. V. gefördert.
Das Gespräch führte Karen Hansmeier.
„Hermann (fool on the Hill)“
- Schauspiel von Fink Kleidheu (Uraufführung)
- Hintergrund: Anlässlich des 150. Todestages von Ernst von Bandel.
- Inhalt: Eine postapokalyptische Reise zu den Trümmern des Cheruskerfürsten.
- Premiere: Samstag, 19. September, 19.30 Uhr | Theater Gütersloh
- Weitere Termine: Freitag, 25. September, Samstag, 26. September, Freitag, 5. März 2027, Sonntag, 7. März 2027
- Preise: 20, 28, 35 Euro (ermäßigt 10, 14, 17,50 Euro)
- Vorverkauf ab dem 27. Juni
- Weitere Informationen sowie Hinweise zum Kartenvorverkauf gibt es auf der Homepage des Gütersloher Theaters.
Über den Regisseur
Christian Schäfer, geboren 1975 in Müllheim/Baden, ist seit 2013 Künstlerischer Leiter am Theater Gütersloh. Von 2007 bis 2013 war er Intendant am Zimmertheater Tübingen, das unter seiner Leitung regelmäßig Nennungen als bestes Theater außerhalb der Metropolen in Fachzeitschriften sowie 2012 den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Bürgerstiftung Tübingen erhielt.
Zu den Inszenierungen von Christian Schäfer zählen zahlreiche Uraufführungen sowie deutsche und österreichische Erstaufführungen. Mehrfach inszenierte er für die Ruhrfestspiele Recklinghausen.
Weitere Arbeiten erhielten Festivaleinladungen, unter anderem zu den Bayerischen Theatertagen, zum Open-Ohr-Festival Mainz und zum Heidelberger Stückemarkt. Am Theater Gütersloh installierte er erstmals Eigenproduktionen. 2016 erhielt er unter anderem für die Produktion „Der letzte Cowboy (Solitary Man)“ von Fink Kleidheu/Thommie Bayer den „Stern des Jahres“ der Neuen Westfälischen Zeitung.
Die Stücke von Fink Kleidheu sind im Kaiser Verlag, Wien, verlegt. Sein Stück „Der Nabel der Welt (where the eagles meet)“ gastierte Ende 2025 in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut an der Griechischen Nationaloper in Athen.




