
Lage/Kreis Lippe. Im Umweltausschuss wurde jüngst eine Frage von weltbewegender Bedeutung diskutiert: Darf ein Mähroboter nach 18 Uhr noch seinem natürlichen Drang nachgehen, Rasenflächen akkurat zu stutzen? Eine tierliebe SPD-Politikerin wollte dem abendlichen Treiben auf dem Rasen ein Ende setzen. Schließlich sollen Igel nicht unter die Räder – beziehungsweise unter die Messer – der kleinen Rasen-Rambos geraten. Guckst du hier!
Nach angeregter Debatte fand der Vorschlag eine knappe Mehrheit bei SPD, Grünen und Aufbruch C. Der Igel schien gerettet. Doch jetzt hat sich der Kreis Lippe als Untere Naturschutzbehörde zu Wort gemeldet und deutlich „Njet!“ gesagt. Der Grund: Eine Regel, die niemand kontrollieren kann, schützt auch keinen Igel. Außerdem stellte sich die praktische Frage: Wer soll abends – nach Dienstschluss – mit der Stoppuhr durch die Wohngebiete schleichen und überprüfen, ob Herr Meier seinen Mähroboter um 18:01 Uhr gestartet hat? Und welche Strafe droht dem Übeltäter dann? Drei Wochen Rasenmähen mit der Nagelschere?
Ganz auf einer Linie mit dieser Einschätzung lag einzig die AfD. Deren Vertreter im Ausschuss, Marvin Detert, hatte gewarnt, ein solches Verbot könne eine urdeutsche Leidenschaft fördern: das Denunziantentum. Man sah förmlich schon Nachbarn hinter Gardinen lauern: »Erna, schnell! Der Husqvarna vom Nachbarn fährt noch! Es ist schon nach sechs! Ruf das Ordnungsamt!«
Hinzu kommt: Moderne Mähroboter sind längst keine tumben Igelmörder mehr. Viele verfügen über Sensoren, Kameras und vermutlich bald auch über eine KI-gestützte Igelerkennung mit Stachelprofilanalyse. Manche Geräte erkennen heute einen Igel zuverlässiger als mancher Autofahrer einen Zebrastreifen.
Und damit sind wir beim eigentlichen Problem. Während in Deutschland jedes Jahr vermutlich tausende bis zehntausende Igel durch Mähroboter verletzt oder getötet werden, sterben im Straßenverkehr schätzungsweise zwischen 500.000 und 1.000.000 Igel. Anders gesagt: Auf jeden Igel, der einem Mähroboter begegnet, kommen Hunderte bis Tausende seiner stacheligen Artgenossen, die auf der Straße umkommen. Würde man die politische Energie proportional erhöhen, dann ginge Autofahren nur noch unter der Bedingung, dass Igel mit Warnweste und reflektierenden Stacheln unterwegs sind.
Der Kreis Lippe setzt deshalb lieber auf Aufklärung. Denn der Igel hat noch ganz andere Sorgen: fehlende Verstecke, offene Schächte, Gartenteiche und Zäune. Aus Sicht des Igels ist der durchschnittliche deutsche Garten ohnehin eine Mischung aus Hindernisparcours, Hochsicherheitsgefängnis und Abenteuerpark. Die Moral der Geschichte: Der Mähroboter ist nicht der unschuldige Held. Aber auch nicht der Serienkiller, als den ihn manche darstellen. Für den Igel bleibt die Straße der gefährlichste Ort. Und vielleicht wäre es für ihn schon ein großer Fortschritt, wenn Menschen genauso aufmerksam Auto fahren würden, wie sie auf den Mähroboter des Nachbarn achten.
Kommentar von Bernhard Jaschke:
Der Igel und seine Feinde
In der Glosse von Hajo Gärtner heißt es: „Während in Deutschland jedes Jahr vermutlich tausende bis zehntausende Igel durch Mähroboter verletzt oder getötet werden, sterben im Straßenverkehr schätzungsweise zwischen 500.000 und 1.000.000 Igel. Anders gesagt: Auf jeden Igel, der einem Mähroboter begegnet, kommen Hunderte bis Tausende seiner stacheligen Artgenossen, die auf der Straße umkommen. Würde man die politische Energie proportional erhöhen, dann ginge Autofahren nur noch unter der Bedingung, dass Igel mit Warnweste und reflektierenden Stacheln unterwegs sind.“
Legt man eine solche Sichtweise zugrunde, müssten auch alle Arbeitsschutzmaßnahmen in Frage gestellt werden.
Denn 2024 kamen bei Arbeits- bzw. Schulunfällen zusammen „nur“ 283 Menschen ums Leben, bei Unfällen im Haushalt jedoch 16 617 Menschen (Quelle: Statistisches Bundesamt / https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/sterbefaelle-unfaelle.html ).
Geradezu umwerfend auch die Logik des ablehnenden Kreises Lippe: Eine Regel, die niemand kontrollieren kann, schützt auch keinen Igel.
Und wer kontrolliert dann beispielsweise heute, ob „lärmintensive Geräte und Maschinen wie Freischneider, Grastrimmer, Graskantenschneider sowie Laubbläser- und -sammler an Werktagen auch in der Zeit von 07:00 – 09:00 Uhr, 13:00 – 15:00 Uhr sowie 17:00 – 20:00 Uhr nicht betrieben werden“, wie es der Kreis festgelegt hat?
Noch überraschender ist die Einschätzung der AfD, dessen Vertreter Marvin Detert gewarnt hatte, „ein solches Verbot könne eine urdeutsche Leidenschaft fördern: das Denunziantentum.“
Dass ausgerechnet ein Repräsentant der AfD sich über Denunziantentum entrüstet, ist nun doch schon mehr als verwunderlich. Es ist doch „seine“ Partei, die In mehreren Bundesländern bereits vor Jahren Meldeportale eingerichtet hat, über die Schüler und Schülerinnen und Eltern Lehrkräfte denunzieren sollen, die beispielsweise angeblich politische Meinungen vorgeben.






