
Detmold. Knöpfe, Münzen, Briefmarken, Muscheln und persönliche Botschaften. Was klingt wie der Inhalt einer kuriosen Schatzkiste, landet seit mehr als zwei Jahrzehnten regelmäßig im Briefkasten der Detmolder Familie Pilling.
Der Absender schickt seine kunstvoll gestalteten, bunten Briefe zuverlässig wie ein Uhrwerk. Mehr als 100 sind es bereits, gut verstaut in zwei Holzkisten. Doch eine Frage bleibt bis heute unbeantwortet: Wer steckt hinter den rätselhaften Botschaften?
Seit mehr als 20 Jahren erhält das Fachgeschäft für Philatelie, das seit fast 60 Jahren mit Briefmarken, Münzen und anderen Sammelobjekten handelt, nun in regelmäßigen Abständen Post von einer unbekannten Person. Mindestens alle sechs Wochen, mitunter sogar monatlich, trifft einer der unverkennbaren Umschläge ein.
„Es begann, als mein Mann noch lebte“, erzählt Margret Pilling. Ihr Ehemann Klaus-Jürgen Pilling, der das Unternehmen über viele Jahre prägte, verstarb im Jahr 2007. Heute führt sie das Geschäft gemeinsam mit ihrem Sohn Guido Pilling und dessen Lebensgefährtin Susanne Kanne.
Auch Guido Pilling erinnert sich noch gut an die ersten Sendungen. „Natürlich haben wir uns zunächst gewundert“, sagt er. Mit der Zeit seien die Briefe jedoch zu einem festen Bestandteil des Geschäftsalltags geworden.

Auffällig ist bereits die Art der Anschrift. Die meisten Sendungen sind nicht an die eigentliche Geschäftsadresse gerichtet. Stattdessen dienen ausgeschnittene Anzeigen des Fachgeschäfts aus der LIPPISCHEN WOCHENZEITUNG (LWZ) oder deren Vorgängerzeitung Lippe aktuell als Empfängeradresse. „Der Absender scheint also ein treuer Leser der LWZ beziehungsweise Lippe aktuell zu sein“, sagt Guido Pilling schmunzelnd.
Trotz der ungewöhnlichen Adressierung erreichen die Briefe ihr Ziel seit Jahren zuverlässig, auch dank der stets sorgfältigen Frankierung. „Unser Briefträger kennt uns längst und winkt schon aufgeregt mit dem Umschlag, wenn wieder ein neuer angekommen ist“, berichtet Guido Pilling.
Umschläge voller Rätsel
Die Außenseite der Briefe sticht aber auch abseits der Anschrift direkt ins Auge: Die Umschläge wirken wie kleine Collagen und sind mit den unterschiedlichsten Aufklebern, Logos oder ausgeschnittenen Schriftzügen beklebt. Fast schon wie eine Signatur wirkt ein immer wieder auftauchender Aufkleber mit der Aufschrift „Kontrolle 6“.
Noch spannender ist jedoch der Inhalt der Sendungen. Beim Öffnen kommen den Pillings stets überraschende Fundstücke zum Vorschein: Knöpfe, gestempelte Briefmarken, Rubellose, Aufkleber der damaligen Fußball-Nationalspieler Leon Goretzka und Julian Brandt aus der Zeit der EM 2020, das Etikett eines italienischen Balsamico-Herstellers, verschiedene Zeitungsausschnitte, ein „Wunderbaum Erdbeere“ oder ausgeschnittene Logos von Tee- und Obstmarken gehören ebenso dazu wie ausgefüllte Kreuzworträtsel, Beipackzettel, Briefausschnitte, persönliche Notizen, kleine Muscheln und zahlreiche weitere Gegenstände, die sich kaum einer bestimmten Kategorie zuordnen lassen.
„Er oder sie hat aber auch immer wieder Dinge geschickt, die thematisch zu unserem Sortiment passen, etwa Briefmarken oder Telefonkarten“, berichtet Guido Pilling. Der Charakter der Sendungen habe sich über die Jahre kaum verändert. „In jüngster Zeit finden sich allerdings häufiger medizinische und arztbezogene Unterlagen darunter“, ergänzt Susanne Kanne.
Immer wieder sind in den Briefen auch handschriftliche Nachrichten hinterlegt. Während der Corona-Pandemie etwa schrieb die unbekannte Person: „Bitte immer 2m. abstand und maske tragen (…)“. In einem anderen Brief heißt es: „Sommer Pause! SOMMER URLAUB! ALLES GUTES!!“
Spuren führen nach Lemgo und Schötmar
Der bislang jüngste Brief enthielt einen Notenzettel von einer Einschulungsfeier am 3. September dieses Jahres in der Evangelischen Versöhnungskirche im Bad Oeynhausener Stadtteil Werste. Darauf waren die Lieder „Das wünsch ich sehr“ und „Gottes Liebe ist so wunderbar“ gedruckt.
Trotz dieses Notenzettels oder auch Parktickets aus dem Bielefelder Einkaufszentrum „Loom“ führt die Spur des mysteriösen Absenders mutmaßlich nach Lippe. Eine eindeutige Identifizierung ist der Familie Pilling aber bislang nicht gelungen. Mehrere Arztschreiben würden aber nach Bad Salzuflen-Schötmar oder Lemgo deuten, erklärt Susanne Kanne.
Weitere Indizien weisen indes auf einen türkischen Familienhintergrund hin. In den Briefen finden sich unter anderem türkische Flugtickets und Münzen, Schnipsel einer Bankkarte mit der Unterschrift „Ali“, handschriftliche Notizen in türkischer Sprache sowie ein deutscher Zeitungskommentar zum Militärputschversuch von 2016 in der Türkei. Auch Unterlagen des Ephesia Holiday Beach Clubs in Kusadasi, einem Badeort an der türkischen Ägäisküste, befinden sich unter den Beigaben.
Dankbarkeit statt Misstrauen
Für die Familie Pilling steht trotz aller Rätselhaftigkeit vor allem eines im Vordergrund: die Wertschätzung für die unbekannte Person, die sich seit Jahren so viel Mühe mit jeder einzelnen Sendung gibt.
„Wir möchten ihm oder ihr zumindest das über die Jahre angefallene Porto erstatten und im besten Falle ein persönliches Kennenlernen möglich machen“, sagt Susanne Kanne. Bis heute habe sich innerhalb der Familie niemand einen schlüssigen Reim auf die Motivation hinter den Briefen machen können. „Wir würden die Beweggründe aber sehr gerne verstehen“, ergänzt Kanne.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten voller bunter Umschläge, kurioser Fundstücke und persönlicher Botschaften sei der Entschluss gereift, erstmals öffentlich nach dem unbekannten Absender zu suchen. „Irgendwann haben wir uns gesagt: Jetzt müssen wir etwas unternehmen. Da gibt sich jemand seit so vielen Jahren eine solche Mühe“, erklärt Kanne.
Die Hoffnung der Familie sei daher nicht, ein Rätsel spektakulär aufzulösen, sondern vor allem, einem Menschen Danke sagen zu können, der über mehr als 20 Jahre hinweg auf seine ganz eigene Weise Kontakt gehalten habe.
Einladung zum Kaffee
Deshalb richtet sie nun eine persönliche Botschaft an die unbekannte Person: „Lieber unbekannter Absender, liebe unbekannte Absenderin: Ihre Treue berührt uns sehr. Wir möchten uns von Herzen bedanken und laden Sie hiermit ein, Ihr Geheimnis mit uns zu teilen. Wir würden Sie sehr gerne auf einen Kaffee einladen, Sie kennenlernen und Ihnen das Porto zurückgeben. Wenn Sie lieber anonym bleiben möchten, respektieren wir das natürlich auch.“
Wer sich in dieser außergewöhnlichen Geschichte wiedererkennt, erreicht die Familie Pilling im Geschäft an der Paulinenstraße 5 bis 7 in Detmold oder telefonisch unter 05231/21141.
Vielleicht erfährt mit diesem Aufruf eines der ungewöhnlichsten Postgeheimnisse der Region nach mehr als zwei Jahrzehnten seine Auflösung, noch bevor ein weiterer bunt beklebter Umschlag im Briefkasten der Familie Pilling landet.




