Düsseldorf. Das Land Nordrhein-Westfalen setzt bei der Bekämpfung von Finanzkriminalität künftig verstärkt auf Künstliche Intelligenz. Mit dem System „ForenSight“ können Ermittler digitale Beweismittel deutlich schneller und umfassender auswerten. Entwickelt wurde die Anwendung vom Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität (LBF NRW) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS.
Bei Durchsuchungen und Beschlagnahmen fallen in Finanzermittlungen regelmäßig Millionen Dateien an, darunter Dokumente, Chats sowie Audio- und Videoaufnahmen. Nach Angaben des Finanzministeriums sind oft weniger als zehn Prozent dieser Daten für ein Verfahren relevant. ForenSight soll dabei helfen, die entscheidenden Informationen schneller zu identifizieren.
Das System übersetzt Inhalte, erstellt Zusammenfassungen, transkribiert Audio- und Videodateien, erkennt Personen, Unternehmen und Orte und visualisiert deren Verbindungen in Wissensgraphen. Zudem beantwortet ein fallbezogener Chatbot Fragen auf Grundlage der jeweiligen Ermittlungsakten. Jede erkannte Verbindung bleibt dabei mit dem zugrundeliegenden Dokument verknüpft.
Finanzminister Dr. Marcus Optendrenk betonte, eine wirksame Bekämpfung von Finanzkriminalität erfordere eine ebenso professionelle Datenauswertung wie die Verschleierungsmethoden der Täter. ForenSight unterstütze die Ermittler dabei, aus Millionen Datensätzen die relevanten Spuren herauszufiltern. Die abschließende Bewertung bleibe jedoch stets Aufgabe des Menschen.
Laut Ministerium zeigte bereits die Pilotphase deutliche Erfolge. In einem Verfahren konnten Ermittler innerhalb weniger Wochen 1.000 relevante Seiten aus einem Datenbestand von 20 Millionen Seiten identifizieren. In weiteren Testfällen wurden rund 60 Prozent mehr relevante Dokumente und 62 Prozent mehr beteiligte Personen erkannt als mit bisherigen Verfahren. Außerdem gelang die vollständige und interaktive Darstellung eines internationalen Netzwerks, über das ein Verein Millionensummen bewegt hatte.
Das System arbeitet nach dem Prinzip „Human in the Loop“: Die KI analysiert und strukturiert Informationen, während die endgültigen Entscheidungen weiterhin durch Ermittler getroffen werden. Erste Einsatzgebiete sind die Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung, die Analyse verdächtiger Transaktionen, die Erkennung von Geldwäsche-Indikatoren sowie die Auswertung von Berichten der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU).
Vorgestellt wurde ForenSight bei einer Fachveranstaltung des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums in der Landesvertretung beim Bund in Berlin. Vertreter von Behörden, Wirtschaft und Gewerkschaften diskutierten dort über Chancen und Grenzen des KI-Einsatzes in der Finanzkriminalitätsbekämpfung.
Die Anwendung läuft auf der Infrastruktur des Rechenzentrums der Finanzverwaltung in Kaarst. Die Daten verbleiben damit vollständig in der Hoheit des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IAIS wurde bis Mitte 2027 verlängert. Finanziert wird das Projekt aus dem nordrhein-westfälischen Maßnahmenpaket für Sicherheit, Migration und Prävention.
Das LBF NRW bündelt seit Anfang 2024 die Arbeit der zuvor zehn eigenständigen Steuerfahndungsämter des Landes. Mehr als 1.200 Beschäftigte arbeiten dort mit polizeilichen Befugnissen und staatsanwaltschaftlichen Rechten in Steuerstrafsachen. Seit Anfang 2026 gehört die Behörde zudem der Anti Financial Crime Alliance (AFCA) an, einer öffentlich-privaten Partnerschaft zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.




