Die Stadt Detmold taucht in den so genannten „Epstein-Files“ auf. Der amerikanische Investmentbanker und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, hier auf einem Polizeifoto aus dem Jahre 2006, wurde 2019 tot in seiner New Yorker Gefängniszelle gefunden. Foto: Palm Beach County Sheriff's Department/Wikimedia

Kreis Lippe/Detmold. Ein unscheinbarer Eintrag in einem internen Reiseplan Jeffrey Epsteins aus dem Jahr 2014 sorgt derzeit für Spekulationen. In den vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Akten findet sich eine E-Mail, in der er seine damals geplanten Reisetermine auflistet, mit dem Hinweis „changing but what I have scheduled so far“.


Zwischen Metropolen wie Boston, New York, Dubai, Tokio und San Francisco erscheint darin plötzlich ein Ort, mit dem kaum jemand gerechnet hätte: Detmold in Ostwestfalen-Lippe. Der Aufenthalt ist für den Zeitraum vom 4. bis 6. Juli 2014 angegeben und nicht als vorläufig markiert.

Insbesondere für Menschen aus der Region wirkt dieser Eintrag wie ein Fremdkörper. Detmold als vergleichsweise kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen, die weder Finanzzentrum, internationaler Verkehrsknotenpunkt noch typische Destination für Figuren aus dem globalen Netzwerk rund um Epstein ist, will so gar nicht in das Bild der ebenfalls angeführten Weltstädte passen.

Genau dieser Kontrast macht die Erwähnung so auffällig. Die zugrunde liegende E-Mail ist ein internes Dokument, kein Ticket, keine Buchung. Der Eintrag beweist weder ein tatsächliches Auftauchen noch liefert er Hinweise auf Personen oder Anlässe. Die Frage lautet daher: Warum sollte der US-amerikanische Investmentbanker und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der 2019 tot in seiner New Yorker Gefängniszelle gefunden wurde, ausgerechnet Detmold ansteuern?

Rätselhaftes Fragment ohne Kontext

Die öffentlichen Unterlagen enthalten lediglich diese eine Textzeile: „July 4–6 Detmold Germany“. Es gibt keinen Hotelvermerk, keinen Hinweis auf ein Treffen, keine Begründung für den Aufenthalt. Auch in vergleichbaren Dokumenten erscheint Detmold bislang nur dieses eine Mal.

In den sogenannten „Epstein-Files“ tauchen Orts- und Personennennungen häufig auf, obwohl sie inhaltlich kaum Bedeutung haben. Das liegt an der Struktur des gesamten Aktenbestands. Die Behörden haben eine große Menge an Dokumenten veröffentlicht, die aus sehr unterschiedlichen Quellen stammen.

Darunter befinden sich E-Mails, Notizzettel, Kalenderfragmente, Reiseübersichten, Kontaktlisten, Chatprotokolle und interne Planungsdokumente aus Epsteins Umfeld. Viele dieser Unterlagen enthalten Informationen, die nur indirekt mit Epstein selbst zu tun haben.

Dabei reicht schon eine beiläufige Erwähnung, um einen Ort oder eine Person in den Unterlagen auftauchen zu lassen. Das bedeutet konkret: Ein Ort kann bereits genannt werden, wenn er lediglich als möglicher Treffpunkt vorgeschlagen wurde oder als Zwischenstopp in Betracht kam.

In manchen E-Mails werden Städte erwähnt, weil jemand dort lebte oder geschäftlich zu tun hatte, ohne dass Epstein selbst jemals vorhatte, dorthin zu reisen. Ebenso finden sich Ortsangaben in Routen-Skizzen, die nie umgesetzt wurden, oder in Listen, die ausschließlich der internen Abstimmung dienten.

Dasselbe gilt für Personennamen. Viele tauchen auf, weil sie in einer weitergeleiteten E-Mail vorkommen, weil sie mit jemandem aus Epsteins Netzwerk zu tun hatten oder weil sie in einer allgemeinen Kontaktliste geführt wurden.

Eine Nennung bedeutet daher nicht automatisch, dass es zu einem Treffen, einer Zusammenarbeit oder einem persönlichen Kontakt gekommen ist. Teilweise handelt es sich lediglich um Konversationsfragmente, lose Notizen oder auch nur um Überlegungen, die nie realisiert wurden.

Übertragen auf den Detmold-Eintrag heißt das: Der Ortsname kann aus einer völlig harmlosen oder nebensächlichen Situation stammen. Zum Beispiel, weil ein Kontakt in der Region wohnte, weil jemand dort ein Treffen vorschlug, weil eine Veranstaltung in der Nähe diskutiert wurde oder weil Detmold als potenzieller Übernachtungsort genannt wurde, ohne dass dies Konsequenzen hatte. Die Erwähnung allein liefert also keinerlei Beweis für Aktivitäten, Treffen oder tatsächliche Anwesenheit.

Auf dieser Grundlage sind verschiedenste Deutungen möglich, belegt ist davon bisher keine.

Mögliche Erklärungsansätze

Eine Spur führt zu Joi Ito, dem damaligen Leiter des MIT Media Lab, einer Fakultät der Universität Massachusetts Institute of Technology. Die betreffende Reiseübersicht mit der Erwähnung Detmolds stammt aus einem E-Mail-Austausch am 28. Mai 2014 zwischen Ito und Epstein.

Ito, der zu dieser Zeit mehrere Millionen Dollar an Spenden von Epstein angenommen hatte (Epstein spendete Hunderttausende Dollar direkt an das MIT Media Lab unter Ito und investierte zusätzlich 1,2 Millionen Dollar in Itos private Investmentfonds) und später wegen dieser Verbindung zurücktrat, listet darin eigene Reisetermine auf und fragt Epstein, ob sich zufällige Überschneidungen ergeben.

Ito wiederum hat biografische Bezüge zur Musik- und Technikkultur. In den 1980er-Jahren war er DJ in Japan und in der dortigen Rave-Szene aktiv. Der Musik-Standort Detmold genießt international hohes Ansehen. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass Ito dort Kontakte pflegte oder kulturelle Verpflichtungen hatte. Dazu kommen mögliche berufliche Treffen bei Unternehmen in der Region. All dies wären nachvollziehbare Gründe für seinen Aufenthalt.

Im Internet-Forum „Reddit“ spekulieren einige Nutzer auch über die Verbindungen Epsteins zum Missbrauchsskandal in Lügde, der sich laut Ermittlungen zwischen Anfang 2008 und der Festnahme des Haupttäters am 6. Dezember 2018 zugetragen hat und am 29. Januar 2019 öffentlich wurde.

Allerdings existiert kein einziger Hinweis auf irgendeine Verbindung zwischen Jeffrey Epstein und den in Lügde begangenen Taten. Ebenso wenig gibt es Anhaltspunkte für eine Verbindung zwischen Joi Ito und den damaligen Ereignissen.

Was bekannt ist

Die gesicherten Fakten sind überschaubar: Detmold wird in einem Reiseplan aus einer internen E-Mail erwähnt. Der Eintrag umfasst nur Datum und Ortsangabe. Es existieren keine bestätigten Informationen zu Anlass, Kontakten oder tatsächlich durchgeführten Terminen. Aus dem Dokument geht nicht hervor, ob der Aufenthalt überhaupt stattfand. Die Liste beinhaltet auch andere geplante Reisen ohne vollständigen Kontext.

Das betreffende Dokument reiht Detmold unmittelbar zwischen Reisen nach Dubai und Tokio ein. Ob dies auf Zufall, eine Zwischenstation oder eine konkrete Verabredung hinweist, bleibt unbekannt.

Dem Bundeskriminalamt (BKA) jedenfalls liegen im Zusammenhang mit den „Epstein-Akten“ aktuell keine Erkenntnisse zu strafrechtlich relevanten Bezügen nach Deutschland vor.

Auf LWZ-Anfrage betont eine BKA-Sprecherin: „Aufgrund rechtsstaatlicher Vereinbarungen sowie der etablierten Kooperation des BKA mit Behörden im In- und Ausland (somit auch den Vereinigten Staaten von Amerika) ist davon auszugehen, dass strafrechtlich relevante Informationen mit einem erkennbaren Deutschlandbezug im Zusammenhang mit den sogenannten ‚Epstein-Files‘ an das BKA als kriminalpolizeiliche Zentralstelle oder über den justiziellen Rechtshilfeweg übermittelt werden.“

Zusätzlich sei das Federal Bureau of Investigation (FBI) durch das BKA gebeten worden, die hiesige Behörde bei entsprechenden Deutschlandbezügen einzubinden. „Darüber hinaus weise ich darauf hin, dass sich das BKA grundsätzlich nicht zu laufenden Ermittlungsverfahren beziehungsweise der Frage, ob Ermittlungsverfahren geführt werden, äußert“, erklärt das BKA weiter.

„Auch dem Landeskriminalamt (LKA) NRW sind keine Ermittlungen der sogenannten ‚Epstein-Files‘ in Bezug auf NRW bezüglich Detmold bekannt“, ergänzt Markus Niesczery, Pressesprecher des LKA NRW.

Die auffällige Platzierung von Detmold in einem globalen Reiseplan weckt dennoch, insbesondere im Kreis Lippe, Neugier. „Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass Jeffrey Epstein tatsächlich nach Detmold gereist ist. Auch sonst liegen keine Hinweise vor, dass Epstein Aktivitäten in NRW unternommen hat“, sagt Staatsanwalt Alexander Görlitz von der Staatsanwaltschaft Detmold auf LWZ-Nachfrage.

„Anfragen seitens der US-Behörden liegen ebenfalls nicht vor. Ich kann auch keine Auskunft darüber erteilen, warum Detmold im Reiseplan aufgetaucht ist. Ein Abgleich der ‚Epstein-Files‘ wird an der hiesigen Behörde nicht unternommen. Ob darüber hinaus Abgleiche bei anderen Behörden erfolgen, entzieht sich meiner Kenntnis“, fährt er fort.

Somit kann die banalste Lösung, warum der US-Milliardär Detmold auf seinem Radar hatte, die wahrscheinlichste sein: ein Treffen mit einem Kontakt aus der Region, ein akademischer Anlass, ein technischer Termin, ein privater Aufenthalt oder eine Planung, die später nicht umgesetzt wurde.

Solange keine weiteren Akten auftauchen, die mehr Kontext liefern, bleibt die Erwähnung Detmolds im Sommer 2014 ein rätselhaftes Detail in einem weit größeren Komplex. Die offene Frage lautet somit nicht unbedingt, warum Epstein dort gewesen sein könnte, sondern warum dieser kleine Ort überhaupt in einem Dokument steht, das ansonsten fast ausschließlich Weltmetropolen führt.