Berlin. Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bescheinigt dem Ausbau Erneuerbarer Energien ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial für Städte und Landkreise, doch öffentlich thematisiert wird sie bislang kaum. Die Untersuchung des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Zusammenarbeit mit dem Berlin‑Institut kommt zu dem Ergebnis, dass sich die regionale Wertschöpfung durch Wind- und Solarenergie mehr als verdoppeln ließe, wenn die bestehenden Ausbauziele konsequent umgesetzt würden. Besonders profitieren könnten ländliche Regionen.
Nach Einschätzung der Wissenschaftler würden Kommunen vor allem durch höhere Steuereinnahmen, zusätzliche Arbeitsplätze und neue Unternehmensansiedlungen gewinnen. Entscheidend sei dabei jedoch, wem Wind- und Solaranlagen gehören. Die Studie hebt hervor, dass der positive Effekt deutlich größer ausfalle, wenn örtliche Akteure wie Landwirte, Stadtwerke oder Bürgerenergiegesellschaften investieren. In diesem Fall bleibe ein Großteil der finanziellen Erträge in der Region.
Umgang mit Studie wirft Fragen auf
Demgegenüber hätten externe Investoren im Jahr 2023 rund die Hälfte der möglichen lokalen Wertschöpfung abgeschöpft, da Steuern und Gewinne außerhalb der betroffenen Kommunen anfielen. Das IÖW plädiert deshalb für mehr kommunale Beteiligungsmodelle, eine stärkere Förderung von Bürgerenergieprojekten sowie gezielte kommunale Investitionen, um regionale Effekte der Energiewende zu sichern.
Umso auffälliger ist der Umgang des Bundeswirtschaftsministeriums mit der eigenen Untersuchung. Die Studie, datiert auf Februar 2026, wurde nach Medienberichten erst Mitte April auf der Ministeriumswebsite eingestellt, ohne Pressemitteilung oder öffentliche Einordnung. Demnach ist das Papier auf der Homepage nur über gezielte Suche auffindbar. Erst über Hinweise des IÖW seien Redaktionen auf die Untersuchung aufmerksam geworden, berichtet unter anderem das Portal t-online.de.
Beobachter sehen darin mehr als ein Kommunikationsversäumnis. Das Zurückhalten der Studie nährt den Eindruck, das Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hebe derzeit eher die Risiken und Kosten der Energiewende hervor als deren wirtschaftliche Chancen. Zwar betont Reiche regelmäßig ihre grundsätzliche Unterstützung für den Ausbau von Windenergie und Photovoltaik, fordert jedoch gleichzeitig einen kosteneffizienteren und stärker netzorientierten Ausbau.
Ministerin Reiche im Fokus der Kritik
In den vergangenen Monaten hat das Ministerium mehrere Gesetzesinitiativen vorgelegt, darunter das Netzanschlusspaket sowie eine Novelle des Erneuerbare‑Energien‑Gesetzes (EEG). Kritiker warnen, dass diese Regelungen den Bau neuer Wind- und Solarparks erschweren könnten, insbesondere in Küstenregionen und in Bayern. Als Begründung führt Reiche den notwendigen Ausbau der Stromnetze an.
Genau dort setzt der Widerspruch zur nun bekannt gewordenen Studie an: Laut den Autoren zählen gerade diese Regionen zu denjenigen, die ökonomisch besonders stark von der Energiewende profitieren könnten. Der schleppende oder erschwerte Ausbau erneuerbarer Energien würde demnach nicht nur klimapolitische Ziele gefährden, sondern auch beträchtliche regionale Einnahmepotenziale ungenutzt lassen.
Die Untersuchung wirft damit nicht nur fachliche, sondern auch politische Fragen auf, und erhöht den Druck auf das Wirtschaftsministerium, sich öffentlich zu den eigenen Analyseergebnissen zu positionieren.
- Einzusehen ist die Studie auf der Internetseite des Bundeswirtschaftsministeriums





