
Detmold. TV- und Kinostar Hans-Werner Meyer kommt nach Detmold. Sehr präsent ist der 62-jährige Hamburger: Nicht nur aus den 150 Folgen „Letzte Spur Berlin“ kennt man ihn, er ist in vielen Serien, Fernsehfilmen oder großen Kinoproduktionen dabei, spielt Theater und ist auch mit der Musik per Du.
Am Montag und Dienstag, 2. und 3. November, um 19.30 Uhr liest er im LWL-Museum Hellerlecht Detmold aus dem Roman „Who the Fuck is Kafka“ von Lizzie Doron. Mit dem Wahlberliner sprach LWZ-Reporter Mathias Lindner vorab unter anderem über seine Schauspieler-Ehe, politisches Engagement, den Zustand der Demokratie und seine musikalischen Ambitionen.
LIPPISCHE WOCHENZEITUNG (LWZ): Herr Meyer, Sie lesen aus einem Roman, der von der Begegnung einer jüdischen Israelin und einem palästinensischen Muslimen erzählt – wie schauen Sie auf den bestehenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern?
Hans-Werner Meyer: Man darf bei der Beurteilung dessen, was dort passiert, niemals vergessen, welche Geschichte dahintersteckt – das ist eine komplexe Angelegenheit und die Versuche, die Konflikte im Nahen Osten zu vereinfachen und zu radikalisieren, sind ausgesprochen schädlich für alle Beteiligten.
LWZ: Das Buch „Who the Fuck is Kafka“ macht diese Konflikte durch persönliche Schicksale auf beiden Seiten nahbar …
Meyer: Ja, und es ist ein Roman, der auf realen Ereignissen basiert. Was man aber wissen muss, ist, dass das Buch nach einem früheren Gaza-Krieg geschrieben wurde, nämlich der sogenannten Operation „Protective Edge“ im Jahr 2014. Jeder Krieg ist schlimm, aber die Dimensionen des derzeitigen Gaza-Krieges hatte jener Krieg noch nicht.
LWZ: Nicht nur in Israel, sondern in vielen Staaten steht die Demokratie auf wackligen Beinen oder ist schon gestrauchelt – was, meinen Sie, kann jeder einzelne tun, um die Demokratie am Leben zu halten?
Meyer: Anständig bleiben und sich darüber klar sein, dass die Stimme, die man bei einer Wahl abgibt, eine demokratische Partei bekommen muss. Darüber hinaus darf man nicht vergessen, dass Demokratie nur funktioniert, wenn die Menschen sich für sie einsetzen; wenn das in Vergessenheit gerät, steht die Demokratie auf verlorenem Posten. Demokratie lebt von Teilhabe und Engagement.
LWZ: Wenn der Mensch sich zu viel ums eigene Über-die-Runden-Kommen sorgt, könnte das Engagement auf der Strecke bleiben …
Meyer: Sie haben recht, wenn es ums nackte Überleben geht – da kann man sich schlecht engagieren, aber in Deutschland geht es den meisten Menschen nicht ums nackte Überleben. Und es gibt ja gottseidank auch erfreulich viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Sich engagieren bedeutet Teilhabe und Kommunikation. Man sieht außerdem das halbvolle Glas statt des halbleeren, wenn man aktiv wird.
LWZ: Kann der Künstler, der im Rampenlicht steht, mehr bewirken?
Meyer: Wenn die Demokratie untergeht, dann, weil sie zu vielen Leuten egal geworden ist. Darüber muss sich jeder klar sein. Künstler mit einer großen Reichweite können natürlich Botschaften weitertragen. Aber das Engagement, das ich meine, muss kein politisches sein, sondern ein gesellschaftliches.
LWZ: Sie haben sich politisch engagiert und waren 2006 Gründungsmitglied der Gewerkschaft BFFS (Bundesverband der Film- und Fernseh-Schauspieler). Was war Ihr Beweggrund?
Meyer: Um Lenin zu zitieren: „Einsicht in die Notwendigkeit“, denn dieser Schritt war einfach längst überfällig. Im regelwütigen Deutschland war ausgerechnet der Film-Fernsehbereich komplett ungeregelt. Jedes andere Land mit einer funktionierenden Filmbranche hatte eine Gewerkschaft, nur das große Deutschland nicht. Als wir (Anmerkung der Redaktion: zusammen unter anderem mit Michael Brandner, Matthias Brandt, Jasmin Tabatabai, Herbert Knaup) den BFFS gegründet haben, da gab’s zum Beispiel im kleinen Dänemark eine solche Gewerkschaft schon seit 80 Jahren.
Da waren wir hier tatsächlich Entwicklungsland. Und diese Gründung fand zu einer Zeit statt, als es für Schauspieler immer schwieriger wurde: Die Gagen fingen an zu verfallen, Wiederholungshonorare und Folgevergütungen wurden abgebaut. Auch gab es nicht mehr die Möglichkeit, sich in Zeiten schlechter Auftragslage mit Sozialhilfe über Wasser zu halten, weil sie durch Hartz IV ersetzt wurde. Arbeitslosengeld I war für die allermeisten Schauspielenden so gut wie unmöglich zu erhalten, trotz hoher eingezahlter Beiträge – es kam so einiges zusammen!
LWZ: Kultur wird weiterhin klein gespart – wie reagiert man da als Gewerkschaft drauf?
Meyer: Die Kernaufgabe einer Gewerkschaft ist die Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder über Verhandlungen mit den Sozialpartnern. Das sind in unserem Fall Produzenten, Sender und Theater. Aber dadurch, dass wir inzwischen der größte Verband der Film- und Fernsehindustrie sind, haben wir natürlich auch ein großes Gewicht, das wir politisch einsetzen können, indem wir über Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit gegen solche Kürzungen kämpfen. In Berlin ist es uns auf diese Weise gelungen, die Schließung eines Theaters zu verhindern.
LWZ: Ist der Politik nicht klar, wie wichtig die Kultur für eine funktionierende Demokratie ist?
Meyer: Da sagen Sie was. Das sollte der Politik klar sein, aber das Thema wird immer wieder gegen andere ausgespielt und machtpolitischen Erwägungen geopfert, weil der Effekt nicht unmittelbar sichtbar ist. Wenn es der Autoindustrie schlecht geht, sieht man das, wenn es der Kultur schlecht geht, sieht man es nur indirekt, weil die Sitten und Umgangsformen verrohen und die Menschen mit einem löchrigen Wertesystem aufwachsen – das muss man schon sehen wollen, um es zu erkennen, und derzeit ist die Verführung groß, den kulturfeindlichen Affekten nachzugeben.
LWZ: Sie haben den Beruf des Schauspielers gewählt – war das schon immer Ihr Traumjob?
Meyer: Ich würde sagen, ja. Ich habe, wie so viele, in der Schule damit angefangen, habe es mir aber erstmal nicht zugetraut und etwas anderes versucht, dann aber gespürt, dass der Drang zu diesem Beruf so stark war, dass ich alle meine Kräfte für die Schauspielerei mobilisiert habe. Mit Anfang 20 war das also ein absoluter Traum für mich. Aber, wie mein Kollege Heinrich Schafmeister so treffend sagt: „Es ist der schönste Beruf der Welt, den man niemandem empfehlen kann.“
LWZ: Was würden Sie als Ihre besondere Stärke bezeichnen und wo schwächeln Sie?
Meyer: Ich glaube, eine große Stärke bei mir ist Kooperation, Ensemblearbeit, in einem Verbund mit anderen etwas zu schaffen. Schwäche, oh Gott, da habe ich so viele … Ich bin eigentlich ein sehr chaotischer Mensch und da brauche ich eine klare Struktur um mich herum.
LWZ: Sie und Jacqueline Macaulay sind ein Schauspielerpaar – Hat das mehr Vor- oder mehr Nachteile?
Meyer: Ich kenne es nicht anders. In unserem Fall hat es definitiv mehr Vorteile. Unser Beruf ist ja auch Berufung. Wir können miteinander über das Thema reden, das unser Leben dominiert, und müssen nicht erst erklären, wie Besetzungen und Probenprozesse funktionieren. Und nach 26 Jahren Ehe haben wir vor drei Jahren sogar angefangen, zusammenzuarbeiten, was sehr gut gelingt: Wir ticken ähnlich, haben einen ähnlichen Humor und eine ähnliche Arbeitsethik, sind aber trotzdem sehr unterschiedlich, was den besonderen Reiz ausmacht. Ich empfinde es als großes Glück.
LWZ: Auch die Musik liegt Ihnen im Blut und die musikalischen Gefilde sind Ihnen vertraut …
Meyer: Ja, ich bin zurzeit tatsächlich mit drei musikalischen Programmen unterwegs: Das eine sind die „Galgenlieder“ von Christian Morgenstern, vertont vom Club der toten Dichter – wir sind zu dritt bis Dezember unterwegs, dann mit meiner Acapella-Gruppe Meier und die Geier und meinem Bruder, dem Kabarettisten Chin Meyer, und unserem gemeinsamen Programm Klangrazzia – und das Dritte ist die Revue „Berlin ist ja so groß“ vom Renaissance Theater Berlin – mit diesem Berlinical, wie wir es nennen, sind wir ebenfalls im November auf Tour.




