
Lage. Windräder sind sogar hübsch anzusehen, wenn sie sich organisch ins Landschaftsbild einfügen. Aber vor der eigenen Haustür möchte sie niemand gern sehen. Deshalb hat die Fraktion »Aufbruch C« den Antrag in die jüngste Sitzung des Bauausschusses eingebracht, die »1000-Meter-Abstandregel«, die bis 2023 im Land galt, in Lage wiederzubeleben, so wie sie bereits in der Nachbarstadt Leopoldshöhe bei konkreten Planungen angewendet wird.
Dr. Andreas Levermann, stellvertretender Bundesvorstand von »Aufbruch C«, erläuterte den Antrag seiner Fraktion in einem üppigen Vortrag. Das war neu: Schien es doch bislang den großen Fraktionen vorbehalten zu sein, opulente Reden zu halten. Sein Hauptargument: Um die Windkraft-Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhalten, dürfen Anwohnern keine unverhältnismäßigen Nahdistanzen der Rotoren zugemutet werden. Er sprach damit ganz offen den Streit der Bürgerinitiative Ohrsen mit der Bürger-Energiegenossenschaft (BELa) um den geplanten Bau von zwei Windrädern in einem Nah-Abstand von unter 1000 Metern an. Die 1000-Meter-Regel schaffe Planungssicherheit für Investoren und trage zur Beruhigung der Bürgerschaft bei.
Als Überraschungs-Ei brachte Levermann den Vorschlag eines »Betroffenheitsradius« ein: Die Bewohner eines geplanten Standortes im Umkreis von 2500 Metern seien maßgeblich bei der Meinungsbildung zu berücksichtigen. Damit griff Levermann die Klage der Ohrsener BI auf, dass Bewohner aus anderen Ortsteilen als Mitglieder der BELa darüber bestimmen können, wo in einem entfernten Ortsteil – zum Beispiel in Ohrsen – Windräder installiert werden. Ein Argument gegen die Ansicht aus der SPD-Fraktion, dass es in Lage auch Leute gebe, die für mehr Windräder einträten.
Bürgermeister Kurt Kalkreuter machte als Verwaltungschef deutlich, dass ihm die »1000-Meter-Regel« partout nicht schmecke. »Dann können wir in Lage kaum noch neue Windräder platzieren«, gab er zu bedenken. Und Lages Haushalt könne die damit verbundenen Gewerbesteuer-Einnahmen in Anbetracht der klammen Finanzen durchaus gebrauchen.
Levermann versäumte auch nicht, den Wertverlust der Häuser in Windradnähe ins Spiel zu bringen. Die seriöseste Schätzung für Deutschland stammt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Forscher werteten knapp drei Millionen Immobilienangebote aus und kamen zu dem Ergebnis:
– Innerhalb von etwa einem Kilometer Entfernung zu einer Windkraftanlage: durchschnittlich zirka 7 Prozent Wertverlust von Einfamilienhäusern. Das ist der Wert, den auch Markus Jansen, Geschäftsführer und Inhaber der Windenergie Jansen GmbH, die zusammen mit der BELa in Ohrsen einen Windpark errichten will, bei einer Info-Veranstaltung genannt hat.
– Bei älteren Häusern in ländlichen Regionen wurden in der Studie sogar Wertverluste von bis zu 23 Prozent festgestellt.
– Mit zunehmender Entfernung nimmt der Effekt deutlich ab; ab etwa acht Kilometern war in dieser Untersuchung kein statistisch messbarer Einfluss mehr festzustellen.
Obwohl sich eine Mehrheit für die »1000-Meter-Regel« abzeichnete (AfD, Aufbruch C und CDU), ließ sich Dr. Levermann breitschlagen, seinen Antrag zurückzuziehen und noch einmal zu überarbeiten. Nach der Sitzung erklärte er gegenüber der LWZ sein Handeln mit mangelnder kommunalpolitischer Erfahrung. Tatsächlich war diese bürgerlich-konservative Mehrheit angesichts einer irritierenden Nachfrage aus den Reihen der CDU nicht ohne Weiteres zu sehen. »Der Fall war doch ganz klar« urteilt hingegen Ferdinand Schmedding, Neuerwerbung von »Aufbruch C« und führender Kopf der Bürgerinitiative »Keine Windräder in Ohrsen«.
Wie geht es nun weiter? Dr. Levermann wird seine Ideen präzisieren und bei nächster Gelegenheit mit der Fraktion »Aufbruch C«, die zurzeit einen gehörigen Lauf hat, in den kommunalpolitischen Prozess einbringen. Meine Vermutung: Die 1000-Meter-Regel wird über kurz oder lang mit Ausnahme-Definitionen installiert.




